Sonntag, 1. August 2021

Was verschiedene Kalender mit der Stürmung der Al Aqsa Moschee durch die Polizei zu tun hatten.

Aktualisiert am 4.6.26 

Einen Tag vor dem Jerusalemtag stürmte die israelische Polizei die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg. Brutale Provokation des zionistischen Besatzers? Es ist schon etwas komplexer.

Die Klagemauer ist eine der Böschungsmauern des Tempelbergs. Bei begründetem Verdacht (der Berg ist Kameraüberwacht) rückt die Polizei an. Ihrzufolge hatten Ost-Jerusalemer Jugendliche Steine und andere Wurfgeschosse auf dem Tempelberg gelagert. Am folgenden Tag sollte die Flaggenparade am Damaskustor durch das muslimische Viertel der Altstadt bis zum Vorplatz der Klagemauer führen. Auf der Seite des Bergs steht lediglich ein eingeschossiger Bau - kein Problem also von dort Steine zu werfen die dann die unten auf dem Platz vor der Klagemauer versammelten Menschen gefährden würden.

 Siehe auch den Blogbeitrag von Jan. 2018 "Bemerkungen zum Tempelberg (Ver.2.0)"

Um die Hintergründe zu verstehen muß man auch auf die beiden relevanten Kalender schauen und nicht nur auf den Gregorianischen.

Muslimischer Kalender: 7.5. letztes Freitagsgebet im Ramadan, jüdischer: 10.5. Jerusalemtag, an dem wir Israelis der Befreiung der Stadt im 6-tage Krieg 1967 gedenken. Der Tag ist mittlerweile zu einer Machtdemonstration der Nationalreligiösen verkommen, an dem sie mit einem Flaggenmarsch durch die Altstadt bis zur Klagemauer paradieren. 

Im selben Jahr fiel auf denselben Tag auch der Laylat al-Qadr des Ramadan. Eid al-Fitr am 12.5. markierte das Ende des Fastenmonats. 14.5. AlQuds Tag, dasselbe wie der Jerusalem Tag, nur unter umgekehrtem Vorzeichen: der Fall der Stadt in die Hände der Ungläubigen. Eine Erfindung der Iraner um ihre Solidarität mit den Palästinensern auszudrücken. 15.5. war Nakba Tag, das Gegenstück zum israelischen Unabhängigkeitstag an dem der 710.000 geflüchteten und vertriebenen Palästinenser von 1948 gedacht wird.

Diese unselige Konzentration von Gedenktagen stellt die Vorgänge in den notwendigen Zusammenhang.

Mir scheint ausländischen Berichterstattern sind all diese Zusammenhänge völlig unbekannt oder zu komplex was in Folge das Narrativ vom willkürlich handelnden Israeli und vom seinen Launen schutzlos ausgelieferten Palästinenser nährt. Die Palestinian Authority wartet nur auf eine Gelegenheit zu behaupten der Tempelberg und die Al-Aqsa Moschee wären in Gefahr. Was die Angelegenheit dann auch Medienwirksam dramatisiert.

Scheich Jarrach, Vertreibung oder rechtmäßige Räumung

Gleichzeitig stand die Räumung von vier Familien im zwei Straßenbahnhaltestellen davon entfernten arabischen Stadtteil Scheich Jarrach an. Dies infolge eines Rechtsstreits, denn die Gebäude gehören jüdischen Eigentümern - es ist aber, wie so vieles bei diesem Konflikt, etwas komplexer.
1875 kaufte eine jüdische Stiftung diese Liegenschaften. Vor allem Juden aus dem Jemen zogen ein - bis sie 1948 durch die jordanische Armee vertrieben oder getötet wurden. Fortan bewohnten Araber die Häuser.
Die jetzigen Bewohner sind Araber die 1948 von Haifa und Jaffa geflohen waren. Die Jordanier boten ihnen an die Häuser auf ihre Namen zu registrieren – der Vorgang wurde jedoch von den jordanischen Behörden nicht zu Ende geführt. Bis in die frühen 1990er-Jahre zahlten sie den jüdischen Eigentümern auch Miete. Dann untersagten die palästinensischen Behörden die Mietzahlungen, da dies einer Anerkennung der israelischen Eroberung/Annektion gleichkäme. Vor einigen Jahren wurden die Eigentumsrechte von einer Siedlernahen Organisation aufgekauft. Sie möchte dort Juden ansiedeln, denn die Häuser befinden sich in der Nähe des Grabes von Simon dem Gerechten (Shimon Ha Zadik, ca. 300 v. Chr.), einem jüdischen Hohepriester.

Der Rechtsstreit zieht sich schon Jahre hin. Das Jerusalemer Bezirksgericht, vor dem verhandelt wurde, forderte die Seiten zu einem Vergleich auf. Die Palästinenser sollten bis zur Klärung der Rechtslage wieder Miete zahlen und auf ihre Ansprüche verzichten, wozu sie aber nicht bereit waren. Danach wurde der Fall vor dem Obersten Israelischen Gerichtshof verhandelt.

Quellen:

https://www.jpost.com/israel-news/several-arab-families-in-sheikh-jarrah-in-jerusalem-face-eviction-666954

https://www.jpost.com/middle-east/court-to-hear-today-if-sheikh-jarrah-compromise-reached-667307

Da es die Palästinenserbehörde ist die die Mietzahlungen untersagt, würde ich den Betrag von den Geldern abziehen die Israel an ebenjene PA überweist. So könnten die arabischen Familien weiter dort wohnen, ohne durch ideologische Siedler ersetzt zu werden, die nur für Unruhe sorgen.

Genauso umgekehrt. Vermischung halte ich in dem Fall für ein sicheres Rezept für Ärger.

Den freien Zugang zu religiösen Stätten halte ich für wichtig, und darunter fällt nicht nur der freie Zugang von Moslems zum Tempelberg sondern auch der Zugang zu einem Grab das sich schon vor dem Bau dieses Stadtteils dort befand. Ich glaube aber nicht das ein paar ideologische Siedler für seine Sicherung besser geeignet sind als ein paar zufriedene arabische Cafebesitzer in seiner Nähe und eine Polizei die bei Bedarf für Ordnung sorgt.

Ein Phänomen Namens E1



Gegenüber einer Schlafstadt vor den Toren Jerusalems liegt ein Hügel, E1 genannt.

Mit seinen auf dem 3500 Wohneinheiten, Hotel und einem kleinen Gewerbegebiet das Palästinensern aus dem angrenzenden Nachbarort A-Zaiim in israelischen Betrieben Arbeit bieten sollte ist es ein Phänomen. Obwohl ich auf dem Weg nach Jerusalem an diesem Hügel vorbeifahre hat es einige Zeit gedauert bis mir die weltpolitische Wichtigkeit dieses Hügels am Rande der judäischen Wüste bewusst wurde. Gebe ich "E1, Israel" in eine Suchmaschine ein, bekomme ich 462,000 Treffer. Wie schafft es ein Stadtteil einer jüdischen Schlafstadt im Westjordanland so viel Aufmerksamkeit zu erregen? Wobei er noch gar nicht gebaut wurde.

 

Die derzeitigen Nutzer von E1 ein Beduine mit seinen Ziegen

 

Der Hügel liegt gegenüber von Maale Adummim und sollte eine Stadterweiterung sein. 

 

E1 von Maale Adummim aus gesehen

 

 Geschichtlicher Kontext:

Durch den israelischen Sieg im 6-tage Krieg wurde die Teilung Jerusalems aufgehoben. Nach 19 Jahren war die Klagemauer, der Tempelberg und die Ruinen des von den Jordaniern zerstörten jüdischen Viertels für uns Juden wieder frei zugänglich.
Zu der Zeit entstand die Idee die Stadt mit einem Ring von jüdischen Ortschaften zu umgeben damit sie nie wieder geteilt werden könnte. Nach dem fast verlorenen Yom-Kippur Krieg von 1973 kam die Erkenntnis hinzu das Jerusalem nach Osten hin ungeschützt war. Das war der Grund für die Gründung der Siedlung Maale zwei Jahre später, wie mir eine der Gründermütter in einem Interview erzählte. Erwähnenswert das sich unter den Gründern Sozialdemokraten, Konservative und Nationalreligiöse fanden.

Der Ring aus neuen Stadtteilen existiert mittlerweile. Maale mit seinen 41.000 Einwohnern und seiner Lage direkt an der Hauptstraße von Jerusalem runter zur Jordansenke ist wohl das wichtigste Glied, aber auch Ramot (47.000 Einw.), Gilo (31.000 Einw.), Pisgat Seev (50.000 Einw.)... sind längst fertiggebaut. 

Das mit dem Ring hat allerdings nicht so recht funktioniert denn auch Schuafat (35.000 Einw.), Sur Baher (15.000 Einw.), Abu Dis (15.000 Einw.), Al-Azarya (Bethanien)(18.000 Einw.)... sind gewachsen. Statt Ring also eher Flickenteppich.

 

Blick in Richtung Maale und Azaria   

 

 Wegen dieser Flickenteppich-Realität wird von israelischer Seite argumentiert das Maale zu einer Enklave werden könnte. 1994 veranlasste der damalige Premierminister Rabin die Planung von E1.

Mit einer Enklave ganz in der Nähe hat man im Unabhängigkeitskrieg (1948) schlechte Erfahrungen gemacht.

„…when a convoy, escorted by Haganah militia, bringing medical and military supplies and personnel to Hadassah Hospital on Mount Scopus, Jerusalem, was ambushed by Arab forces.

Seventy-eight Jewish doctors, nurses, students, patients, faculty members and Haganah fighters, and one British soldier were killed in the attack. Dozens of unidentified bodies, burned beyond recognition, were buried in a mass grave in the Sanhedria Cemetery.”

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Hadassah_medical_convoy_massacre

Und so kommen wir zu den 12 QKm die E1 ausmachen. Es ist das unbebaute Gebiet zwischen Maale und Jerusalem. Begrenzt wird es im Süden und Westen von den benachbarten palästinensischen Ortschaften und nach Norden hin von einem Wadi und einer Straße.

Just an diesem Hügel prallen die Interessen von Israel und PA aufeinander.

Wir Israelis wollen die Verbindung von Tel Aviv über Jerusalem zur Grenze entlang der Jordansenke sichern. In dem Zusammenhang ist auch der große Krach um die Räumung von Khan-al-Ahmar zu sehen. Ein Beduinencamp direkt an der Straße, einen Steinwurf von E1 entfernt. Es soll abgerissen werden, denn die israelische Seite vermutet daß die PA die Beduinen dazu anstiftet sich entlang der Straße niederzulassen um so eine Art Kontrolle ausüben zu können. Die Schuppen der Beduinen erhalten natürlich keine Baugenehmigung von der israelischen Zivilverwaltung und so wird ab und zu abgerissen. Die obdachlos Gemachten kommen aber bei den Verwandten unter bis sie ihre Schuppen neu errichtet haben.

Die israelische Zivilverwaltung möchte sie in neu geschaffenen Ortschaften konzentrieren. Argument ist die bessere Versorgung (Wasser, Elektrizität, Schulen), die Sicherheit spielt wohl auch eine Rolle. Es ist leichter wenige große Ortschaften zu kontrollieren als die vielen kleinen Camps. Dasselbe Vorgehen findet man auch den Beduinen im Negev gegenüber. Siehe z.B. die Stadt Rahat.

Mehr dazu in meinem Blog hier: https://zonecinfo.blogspot.com/2018/09/

Weiterführende Quelle: http://honestreporting.com/despite-the-hype-e1-doesnt-cut-west-bank-in-two/

Blick von Maale in Richtung Jerusalem. E1 ist auf der rechten Seite


Die Palästinenser wollen die Verbindung von Samaria im Norden und Judäa im Süden sichern. Weil Jerusalem durch einen 20 Km langen Korridor nach Westen hin mit dem Rest des Landes verbunden ist, entsteht hier eine Einschnürung im WJL. Die PA (Palästinensische Autonomiebehörde) befürchtet daß aus der Einschnürung durch E1 eine Abschnürung würde denn das Gebiet liegt zentral im WJL auf einer möglichen Entwicklungsachse Ramallah – Betlehem.

2007 hat Israel mit dem Bau einer Straße exklusiv für Palästinenser begonnen die beide Städte verbinden sollte. Man kann einen Teil der Trasse in einem Tal bei Maale sehen. Israelischen Angaben zufolge blieb das Projekt stecken weil die PA sich weigerte die Straße an ihr bereits bestehendes Netz anzubinden. Es hätte das Argument der Abschnürung geschwächt.

Der PA gelang es die Amerikaner von der Gefährlichkeit des E1 Projektes zu überzeugen und von ihnen ein Veto zu erlangen. Dies obwohl es östlich von Maale noch einen 20 Km breiten Streifen bis zur jordanischen Grenze gibt – das Argument der Palästinenser steht also auf wackligen Füßen. Auf dem Hügel wurde bisher nur das Polizeihauptquartier für das WJL = Westjordanland gebaut.

Donnerstag, 22. Juli 2021

Westjordanland: jüdisches Erbe oder palästinensische Scholle?

 

Zum legalen Status der Besetzten Gebiete. Überarbeitete Fassung vom 8/21

 

Wo findet sich das erste rechtlich relevante Dokument?

"Und an dem Tag schloss der Herr einen Bund mit Abraham und sagte deinem Samen gab ich dies Land vom Fluss Ägyptens bis zum grossen Fluss, dem Euphrat." Moses 1, 15, Vers 18.
"Und ich werde deine Grenzen setzen vom Roten Meer bis zum Meer der Philister und von der Wüste bis zum Fluß denn ich werde in eure Hand die Bewohner des Landes geben und ihr sollt sie vertreiben von eurem Angesicht" Moses 2, 23, Vers 31
Für manch nationalreligiösen Siedler und manch notorischen Israelkritiker mögen diese Jahrtausendealten Versprechungen sehr relevant sein, da sie allerdings ohne Zeitangabe gemacht worden sind lassen wir das Alte Testament mal außen vor.
Es ist auch gar nicht nötig tausende von Jahren zurück zu gehen, denn 1920 wurde das Mandatssystem vom Völkerbund verabschiedet. Die Balfour Deklaration von 1917 war ein Bestandteil davon. Es ist von
"the historical connection of the Jewish people with Palestine" und die "grounds for constituting their national home in that country." die Rede. Artikel 6 spricht sogar von "encouraged close settlement by Jews on the land," was natürlich auch das Westjordanland = WJL einschloss. Es sollte eine Heimstatt für das Jüdische Volk geschaffen werden wobei die Rechte der bereits im Gebiet lebenden Bewohner berücksichtigt werden sollten. Juden sollten überall dort siedeln konnten wo sie die Interessen der Araber nicht einschränkten. Der ehemalige Souverän, das Ottomanische Reich existierte nicht mehr, und sein Nachfolger die Türkei hatte, laut Artikel 132 des Vertrags von Sevres, jede Entscheidung zu akzeptieren. 1922 wurde das Mandat an Großbritannien vergeben um diesem Landstrich auf die Beine zu helfen.

Briten beim Erhalt von Ruhe und Ordnung in Haifa

 

Unter Ausnutzung einer Klausel im Mandat wurden 77%, einschließlich 1760 QKm landwirtschaftlicher Anbaufläche, von den Briten abgetrennt. Es war der ganze Teil östlich des Jordans um so das Hashemitische Königreich - das heutige Jordanien, zu schaffen. Juden waren aus diesem neugegründeten Staat Transjordanien ausgeschlossen.

Ist Israel dank des Teilungsplans entstanden?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Völkerbund von der UN abgelöst in dessen Charta ausdrücklich von der Beibehaltung der bereits existierenden Mandate die Rede ist. Sonst wäre ja auch das Britische Mandat von 1945 bis 1948 garnicht möglich gewesen.
Der Teilungsplan in Form von Resolution 181 ist so relevant nicht, denn die Arabische Seite lehnte ihn nicht nur ab, sondern griff das neugegründete Israel an. Man kann ihn aber als nochmalige Anerkennung der internationalen Staatengemeinschaft auf das natürliche und historische Recht des Jüdischen Volkes sehen sich in Palästina niederzulassen. Israels Aufnahme in die UN wurde mit ihm und mit Resolution 194 verbunden.

Die "Yedioth Achronot" am Tag der Unabhängigkeitserklärung

Israel ist aber nicht Ergebnis dieses Plans, sondern (wie übrigens die meisten Staaten auf der Welt) durch die Erklärung der eigenen Unabhängigkeit, die Verteidigung mit Waffengewalt gegen die Angriffe anderer Staaten und die Einrichtung einer geordneten Verwaltung in dem Gebiet daß unter stabiler eigener Kontrolle stand. Die Formulierung der Unabhängigkeitserklärung war mit der UN abgestimmt.  

 Man kann Israel vorwerfen daß es in ihr unterließ seine eigenen Grenzen zu definieren, man kann aber auch argumentieren daß der Ausbruch eines Krieges vorhersehbar war, in dessen Folge dann die Grenzen mit Gewalt (von allen beteiligten) festgelegt wurden. Tatsache ist das Israel in seiner aus dem Unabhängigkeitskrieg hervorgeganenen Form, die sich vom Teilungsplan unterschied, anerkannt wurde.

Gaza Streifen, Israel, Westjordanland - wo ist der Unterschied?

Nach internationalem Recht entstand nach Abzug der Briten ein Souveränitätsvakuum. Die Annektion des WJL, die Jordanien 1951 vollzog, wurde nur von Grossbritannien und Pakistan anerkannt. Keine anderen Europäischen Staaten und auch keine Arabischen. Israel war bis dahin von 42 Staaten anerkannt worden.
Auf den ersten Blick sieht es gleich aus:
Jordanier und Israelis besetzen in Folge von Kriegen dasselbe Gebiet. Der Unterschied liegt darin das die Jordanier ein benachbartes Gebiet besetzt haben was im Wiederspruch zur UN Charta steht, während wir das Gebiet besetzt haben von dem aus wir angegriffen wurden. 

Besetzung von Territorium ist möglich wenn es zur Selbstverteidigung nötig ist. 

Wäre dies nicht so dann könnte jeder Agressor unbeschadet einen Angriff starten, in der Gewissheit selbst nach einem verlorenen Krieg sein Territorium zurückzubekommen. Man könnte von einem Angriff also nur gewinnen, nicht verlieren. Ein solcher Zustand wäre absurd. Als Bedingung für den Rückzug kann der angegriffene Staat verlangen daß Vorkehrungen getroffen werden damit dieses Gebiet nie mehr eine Bedrohung darstellt die wieder einen Akt der Selbstverteidigung bedingen würde. Das Internationale Recht erkennt an daß ein angegriffener Staat erobertes Land von einem angreifenden Land solange besetzt halten kann bis ein Friedensvertrag ausgehandelt ist.

Ägypten seinerseits betrachtete den Gaza Streifen nicht als Ägyptisches Hoheitsgebiet sondern als militärisches Sperrgebiet ohne irgendeine Form von Sebstbestimmung für seine Bewohner. Die hatten nicht mal ein Anrecht auf die Ägyptische Staatsbürgerschaft. 

Bis Heute ist die Lage der Palästinenser in Syrien, Libanon und Kuwait nicht viel besser.

Israel greift an und soll trotzdem im Recht sein?

Im Mai 1967 sandte der Ägyptische Präsident Nasser seine Truppen in den Sinai und konzentrierte sie entlang der Israelischen Grenze, nachdem er UN Truppen aufgefordert hatte das Gebiet zu räumen. Gleichzeitig sammelten sich Syrische Truppen in den Golanhöhen. Der Suezkanal wurde für Israelische Schiffe gesperrt und der Hafen von Eilat blockiert. Jordanien, Algerien, Irak, Kuweit und Saudi-Arabien sendeten Truppen.
Wie schon beim Unabhängigkeitskrieg greift wieder das internationale Recht und auch Artikel 51 der UN Charta (Recht auf Selbstverteidigung) denn all dies reicht als casus belli – ein Vorgang der den Ausbruch eines Krieges rechtfertigt. Dieser Umstand ist wichtig denn Israel griff an um der, oder besser den Gegenseiten zuvorzukommen. Ein Verteidigungskrieg war geplant um die Grenzen zu sichern, es lief aber besser als erwartet. Um den Vorgang zu stoppen kam die Resolution 242 vom UN Sicherheitsrat.


Resolution 242, Grenze oder sinnvolle Abgrenzung?

Es ist in der Resolution nicht nur von Rückzug die Rede, sondern auch vom Recht jeden Staates in dem Gebiet in Frieden, frei von Gewaltakten, in sicheren annerkannten Grenzen zu leben. Dies ist natürlich an beide Seiten gerichtet.
"...the establishment of a just and lasting peace in the Middle East which should include the application of both the following principles:
(i) Withdrawal of Israel armed forces from territories occupied in the recent conflict;
(ii) Termination of all claims or states of belligerency"

Was die Forderung nach Rückzug angeht gibt es eine bemerkenswerte Unterlassung – die Wörter „all“ und „the“ fehlen. In zwei meiner Quellen sagen Zeitzeugen es sei nicht darum gegangen daß Israel alle besetzten Gebiete räumt sondern dass besetzte Gebiete geräumt werden, aber nicht unbedingt bis auf den letzten Quadratmeter. „secure and recognized boundaries“ kann als Aufforderung zu Verhandlungen mit Grenzkorrekturen verstanden werden.
Der seinerzeit amtierende US Präsident Johnson soll dazu in einer Ansprache am 10,9,67 gesagt haben:
"Es ist jedenfalls klar daß eine Rückkehr zum Stand vom 4.6.67 keinen Frieden bringen wird. Es müssen sichere und anerkannte Grenzen geschaffen werden."

Im Juni 1967 wurde vom Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs der US Streitkräfte, Earle Wheeler ein Plan vorgelegt der Israels Mindestsicherheitsbedürfnisse zusammenstellen sollte. Präsident Johnson und UN Botschafter Goldberg waren einer Meinung daß er im Einklang mit der Resolution 242 steht. Dem Plan zufolge sollten die Golan Höhen und etwa zweidrittel des WJL in Israelischer Hand bleiben. Das entspricht ziemlich genau dem heutigen Zustand.
Zusammengefasst: die Resolution strebt also eine dauerhafte Lösung mit sicheren Grenzen und eine Beendigung aller Forderungen an. Mit einem völligen Rückzug sind sichere Grenzen nicht machbar denn wir haben es mit einem Hügelland, mitten in einem schmalen, dichtbesiedelten flachen Küstenstreifen zu tun.

Die Flüchtlingsfrage

In der Resolution 242 ist auch von der notwendigen Lösung der Flüchtlingsfrage die Rede – die Laut UN insgesamt 711.000 geflüchteten Palästinenser werden nicht namentlich erwähnt, es können darunter also auch zumindest ein Teil der 820.000 Juden fallen die aus den Arabischen Ländern oft unfreiwillig ins Land kamen. Ich formuliere das so umständlich weil nicht alle diese Länder ihre Juden vertrieben haben.
Man kann aber argumentieren dass hier eigendlich ein Bevölkerungsaustausch stattgefunden hat, 

Nehmen wir mal an alle Palästinenser in den Arabischen Staaten (4,1Mill.) wollen zurück, wir haben nichts dagegen und der Rest (0,91Mill.) bleibt lieber in Amerika und Europa. 

Alle Rückkehrer kommen ins WJL. Zu den 2,7 Mill. Palästinenser hier gesellen sich also weitere 4,1Mill. , insgesamt 6,8 Mill.
Und nun zu den Fragen:
Woher kommt das Geld um die nicht Rückkehrwilligen 910.000 zu entschädigen?
Wer und wie wird die Sicherheit der 7.25 Mill. Jüdischen Israelis, ihren 1,75 Mill. Arabischen Nachbarn und den 6,8 + 2 Mill. Palästinensischen Nachbarn auf der anderen Strassenseite garantiert?

Kann ein Land in Wüstenrandlage 17.8 Mill. Menschen ernähren? Dies bei einem Bevölkerungswachstum von zwischen 2 - 3% jährlich.


Klipp und Klar, oder Sonderfall?

Resolution 242 fordert zur Lösung des Problems durch Friedensverhandlungen auf. 

Die kathegorische Absage der Arabischen Seite – die drei "nein" auf der Konferenz der Arabischen Liga 1967 in Khartoum, verzögerten diesen Vorgang. Dann kamen die Friedensverhandlungen mit jenen von denen das Gebiet erobert wurde - den Jordaniern. Die haben aber ihren Anspruch auf das Gebiet 1988 an die PLO abgetreten. 

Wir haben also hier einen Sonderfall mit drei beteiligten Parteien: B besetzt Gebiet dass von A bewohnt wird, welches dann aber B von C abgerungen wird. B verzichtet dann auf seine illegitimen Ansprüche auf das Gebiet und nun muß sich C mit A auseinandersetzen. Wie schon vorher bemerkt kann der angegriffene Staat als Bedingung für den Rückzug verlangen daß Vorkehrungen getroffen werden damit dieses Gebiet nie mehr eine Bedrohung darstellt. Dafür muß aber A in der Lage sein dies sicherzustellen. Israel ist nun in der besonderen Situation ist daß es sich seinen Verhandlungspartner der diese Verantwortung übernehmen kann, erstmal heranziehen muß.

Trizonesien

1993 wurden die Osloer Verträge mit der PLO unterzeichnet, die als alleinige Vertretung der Palästinenser anerkannt wurde. Damit wurde auch die PA = Palestinian Authority eingerichtet.
1995 wurde das WJL infolge der Verträge in drei unzusammenhängende Zonen aufgeteilt. In allen hat das Israelische Militär die Souveranität.
· Zone A: alle Palästinensischen Städte, die meisten Dörfer und etwas Land drumherum werden von der PA selbst verwaltet, Israelisches Militär nur in bestimmten Fällen, keine Israelischen Zivilisten.
· Zone B: einige Dörfer, einige Felder, von der PA verwaltet, Israelisches Militär, keine Israelischen Zivilisten.
· Zone C: (62% der Fläche) sollte größtenteils schrittweise der PA übergeben werden, der Prozess blieb jedoch stecken. Militär und Zivilverwaltung teilen sich die Verantwortung. Letztere ist für die Infrastruktur zuständig und stimmt sich mit der PA ab. Alle Städte und Dörfer die Siedlungen genannt werden, Israelisches Militär und natürlich auch Siedler finden sich hier. Palästinenser können nach vorheriger Kontrolle in diese Zone hinein um dort zu arbeiten. Da die Flächen der beiden anderen Zonen immer in diese Zone eingebettet sind, kann die Bewegungsfreiheit der Palästinenser vom Israelischen Militär eingeschränkt werden.

Seither leben 60% der Palästinenser unter eigener Jurisdiction. Der Rest lebt in Dörfern oder Flüchtlingslagern wo die PA für alles ausser der Sicherheit verantwortlich ist. Nur ein paar zehntausende Palästinenser leben in Gebieten unter voller Israelischer Kontrolle und auch hier übt die PA die funktionelle Jurisdiction über sie aus.

 

Die Vierte Genfer Konventions Keule.

Ich höre in meinem inneren Ohr wie mich nun die Pro-Palästinensischen Protagonisten und Israelkritiker anschreien: 4te Genfer Konvention, Artikel 49!
"The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own civilian population into the territory it occupies."

Hier stellt sich die Frage was mit  "deport or transfer" gemeint ist, denn die 560.000 Israelis die in den besetzten Gebieten wohnen sind freiwillig gekommen.
Auswirkung bei Beachtung: die Hauptstadt Jerusalem müßte mit einem 6 x 20 Km schmalen Korridor auskommen. Das von den Jordaniern zerstörte Jüdische Viertel in der Jerusalemer Altstadt, in dem nachweislich seit etwa 2700 Jahren Juden gelebt haben, könnte bis Heute nicht wieder aufgebaut werden. Und wie würde der Zugang zur Klagemauer geregelt werden? Nachdem die Jordanier nur einer kleinen Gruppe von Orthodoxen und nur am am Busstag das Gebet dort erlaubten, wäre man heutzutage etwa von der Genehmigung der PA abhängig?
Man stelle sich vor, nach der Wiedervereinigüng dürften in Berlin keine Änderungen vorgenommen werden da die DDR in die BRD einverleibt worden ist, ohne wie vorgesehen eine neue Verfassung zu erarbeiten und die Internationale Gemeinschaft dies moniert. Hier prallen eine Buchstabengetreue Auslegung mit Gesundem Menschenverstand wie auch korrekter historischer und funktioneller Einordnung aufeinander.

Offizieller Israelischer Standpunkt

Die Israelischen Regierungen sehen das WJL als ehemaliges Mandatsgebiet an, welches noch nicht formell einem Staat zugesprochen wurde, daher ist das Gebiet nicht besetzt und da die Genfer Konvention sich nur auf Aktionen von Staaten auf dem Gebiet anderer Staaten bezieht, gilt sie hier nicht und demnach ist Israel auch kein erobernder Staat. Ich habe bisher keinen Beleg dafür gefunden dass das Mandat für die Zone C im WJL nicht mehr gültig ist.

Hier möchte ich darauf hinweisen daß viele Europäische Staaten das Glück hatten genug Zeit zur Expansion zu haben von ihrer Gründung bis zum Inkrafttreten der UN Charta am 24,10,1945. Israel hat diese Chance um 3 Jahre verpasst.

Israelische Sicherheitsanliegen

Das WJL ist aus militärisch – strategischer Sicht wichtig da es ein wenig strategische Tiefe und einen Bergrücken nach Osten bietet. Feinde können abgefangen werden, ehe sie an die Ballungsräume Tel Aviv und Jerusalem herankommen.
Allerdings wird es wegen der Bevölkerung auch als problematisch angesehen.
Ende 1967 lebten 1.25 Mill. Araber in allen besetzten Gebieten und es gab 300.000 Israelische Araber. Heute leben um die 4.7 Mill. Araber im WJL und im Gaza Streifen zusammen, dazu kommen noch 1.75 Mill Israelische Araber. Die Zahlen haben sich also vervier- bis versechsfacht.
Ebenso wie der Sinai eine demilitarisierte Zone ist, so sollen auch diese Gebiete demilitarisiert sein.


Quellen:


What Occupation? Efraim Karsh http://www.aish.com/jw/me/48898917.html

Why Israel Is Free to Set Its Own Borders Michael Krauss & J. Peter Pham
http://www.jmu.edu/nelsoninstitute/Israel's%20Borders%20(Commentary%202006-Krauss&%20Pham).pdf

Extracts from "Israel and Palestine - Assault on the Law of Nations" by Julius Stone http://www.strateias.org/international_law.pdf


http://en.wikipedia.org/wiki/Israeli_settlement

Freitag, 17. Juli 2020

 

Zur Schulbuchdiskussion

 

Neulich kam im Zeitforum wieder dieses Thema auf, welches offensichtlich beweisen soll wie schlimm wir Israelis sind. Ich finde es bemerkenswert wie Menschen die sich für modern und aufgeklärt halten nicht davor zurückscheuen ihre Meinung zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen. Dies ohne Arabisch oder Hebräisch lesen zu können.

Bild 1 aus dem Geschichtsbuch meiner Tochter namens "מסע אל העבר". Eine Karte die den Ausgang des Unabhängigkeitskrieges zeigt. Schwarze Punkte sind arabische Ortschaften, hellbraune jüdische Ortschaften und in Braun die drei gemischten Städte Jerusalem, Jaffa und Haifa. In Grün ist die Grüne Linie eingezeichnet die als Waffenstillstandslinie vom 24.2.1949 bezeichnet wird.




























Bild 2 aus demselben Buch zeigt die Lage nach dem 6-tage Krieg von 1967. In Helllila die Flächen die als Flächen die im Krieg erobert wurden bezeichnet werden und in Grün was als Waffenschtillstandslinie von 1949 bezeichnet wird.

Unter Punkt 4 werden die Schüler gefragt warum die israelischen Regierungen bis heute nicht festgelegt haben ob bestimmte eroberte Flächen zu israel gehören sollen.
Und hier das Gegenstück aus einem Geografiebuch der Palestinian Authority.
In Orange, direkt am Mittelmeer gelegen sind die Umrisse des ehemaligen Mandatsgebietes zu erkennen. Ich kann zwar kein Arabisch lesen, aber ich kenne welche die es können. Dort steht Palästina.

Freitag, 28. September 2018

Vor der eigenen Haustüre - Khan al-Ahmar



In der letzten Zeit tauchen hier und da Bilder einer Ansammlung von Schuppen irgendwo im Westjordanland immer wieder in der Weltpresse auf. 173 Beduinen (53 Familien) des Jahalin Stammes sollen ihre Behausungen in Khan al-Ahmar in der Judäischen Wüste bis zum 1.10.18 räumen.
Ein Beduinencamp mitten in der Wüste wie man es gewohnt ist...


 Man ist verführt den Text gar nicht erst zu lesen. Wieder arme, wehrlose, indigene Ureinwohner die nun von bösen, traumatisierten Kolonialisten, die selber noch vor drei oder vier Generationen wehrlos waren, vertrieben werden sollen. Kolonialisten denen das ihnen schon zugestandene Territorium nicht genug war und sich bei einer sich bietenden Gelegenheit auch noch den benachbarten Teil, der für die Ureinwohner gedacht war, unter den Nagel gerissen haben, eben weil sie so traumatisiert und böse sind. Letztere werden nun systematisch drangsaliert um sie zu vertreiben – zugunsten der territorialen Expansion der Ersteren.
Stoff der geeignet ist das Weltbild gutmenschiger Israelkritiker zu festigen.
Zu Beginn des Monats September hat die EU eine Resolution gegen die Räumung verabschiedet und bei der letzten Sicherheitsratssitzung der UN am 17.9.18 sprachen sich auch die UN Botschafter von Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Polen und Schweden dagegen aus.
Wie soll ich sagen? Ich sehe das anders.


...wenn man sich allerdings etwas nach Süden wendet sieht man eine voll ausgebaute 4-spurige Schnellstrasse...
 
Dieser Beitrag soll nicht ein griffiges Gegennarrativ aufstellen das keine Gegenrede mehr zulässt (das wäre Propaganda), sondern mit Bildern und Informationen zu einer ernstzunehmenden Diskussion führen. Nicht Mäuler stopfen, sondern Gehirne füttern.

Gibt man bei Bing „Jahalin“ ein bekommt man etwa 25.000 Treffer.
Es kommt daher daß dieser derzeit 15.000 Seelen zählende Beduinenstamm nicht alleine in der Welt dasteht. bimkom.org, peacenow.org, btselem.org, unwra.org, Dikania, Amnesty, Rabbis for human rights, Roman Catholic Society of St. Yves, The Palestinian human rights group Land and Water Establishment (LAWE) und nicht zuletzt Jahalin.org, sie alle stehen ihnen zur Seite wie man bei den Suchergebnissen sehen kann.

Im Unabhängigkeitskrieg wurde der Stamm aus dem Negev nach Norden vertrieben und lebte auf beiden Seiten der Jordansenke.
Ich hatte Gelegenheit mich mit einer der Gründermütter von Maale Adumim zu unterhalten. Sie hat mit erzählt daß ebenjene Jahalin Beduinen seinerzeit (1975) nur im Winter ihre Herden in diese Gegend hochtrieben. Einfach weil es hier kaum Wasser gab. Das änderte sich Anfang der 80ger mit dem Bau der Wasserleitung nach Maale und Kfar Adumim.
Der Name Khan al-Ahmar ist eigentlich die Bezeichnung für Überreste eines byzantinischen Einsiedlerklosters der mit seiner riesigen Zisterne später als Khan, als Herberge für Karawanen diente. Heute liegt er mitten im Mishor Adumim Industriegebiet, zweieinhalb Km entfernt von den Schuppen die mit diesem uralten und bedeutenden Namen bedacht wurden. Wie alt ist der heutige Khan al-Ahmar? In der folgenden Quelle kann man eine Reihe von Luftbildern sehen. Ihr zufolge tauchten die ersten Bauten um 1980 auf.
https://www.camera.org/article/the-la-times-the-bedouin-of-khan-al-ahmar-and-their-land/
Den jüdischen Anwohnern der nahegelegenen Siedlung Kfar Adumim zufolge, vergeht kein Monat ohne Steinwürfe. Aber das scheint mir nicht das wesentliche.

... warum seine Zelte mit Kindern, Schafen und Ziegen so nahe an der Strasse aufschlagen?
Längst sind die traditionellen Zelte kleinen Gruppen von Holz- und Blechhütten gewichen, was auch darauf hindeutet das ihre Bewohner mittlerweile sesshaft geworden sind. Man würde erwarten daß sie weiträumig auf den Hügeln und Abhängen der judäischen Wüste verteilt wären, da Beduinen meist Schaf und Ziegenherden und auch Kamele halten. Die etwa 30 Camps der Jahalin liegen aber fast ausnahmslos direkt an einer Schnellstraße. Ende 2014 hat die rechte NGO „Regavim“ einen Bericht vorgelegt demzufolge aus 209 Bauten im Jahre 2003 in 11 Jahren 774 Bauten geworden sind.
Eine Fahrt in Richtung Jordantal und zurück...
...der Blick nach Süden...


...Und der Blick nach Norden.
Die Schnellstraße ist nicht irgendeine Schnellstraße. Jerusalem liegt in 800 Höhenmetern auf einem Bergrücken. Nach Osten hin fällt das Terrain bis zum Toten Meer auf minus 400 Höhenmeter ab. Entlang der Jordansenke verläuft die Grenze nach Jordanien. Diese Straße, die Nr.1, ist die für Israel strategisch wichtige West – Ost Verbindung in der Mitte des Landes, die von Tel Aviv kommend über Jerusalem runter zur Jordansenke bis zur Grenze führt.


Und noch eins...

...und noch eins...
Der Palästinenserführung ist die Verbindung von Samaria im Norden und Judäa im Süden wichtig. Hier, östlich von Jerusalem, wo auch der zum Politdrama avancierte Hügel E1 liegt, treffen sich die beiden Entwicklungsachsen.

...und noch eins...
„Regavim“ zufolge, versucht die PA (Palestinian Authority) ein Band von Beduinencamps entlang der Straße zu schaffen. Das kann jeder selber nachprüfen. 
Eine genaue Karte findet sich hier: https://www.btselem.org/map
Östlich von Jerusalem hineinzoomen und entlang der nach Osten verlaufenden Schnellstraße Nr.1 nach den braunen Flecken schauen. Etwa von Bir al-Maskub A über Khan al-Ahmar bis nach Wadi al-Qatif, nachdem die Straße nach Süden abschwenkt. 
 Da beduinische Männer mehrere Frauen heiraten können und 30% von ihnen dies auch tun, sind sie Weltmeister was die Wachstumsrate angeht – sie liegt bei ihnen bei 5,5%. Das bedeutet eine Verdoppelung jeweils innerhalb von 14 Jahren. Wie man an meinen Bildern sehen kann ist der Khan wirklich nicht das einzige Beduinencamp entlang der Strasse.

...und noch einer...
...und noch eins. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Da der Khan al-Ahmar in der Zone C liegt, hat laut Osloer Abkommen Israel die Planungshoheit. Demzufolge kann die israelische Zivilverwaltung (COGAT) den Abriss anordnen.
Es geht auch anders. Zwei Beispiele für Camps die mitten in der Landschaft liegen
Würde es sich um eine entschädigungslose Vertreibung handeln so wäre die mediale und politische Aufregung im Ausland vielleicht noch nachvollziehbar. Als 1997 27 Familien von einem Hügel direkt am Stadteingang von Maale Adumim umgesiedelt wurden, haben sie vor dem Obersten Israelischen Gerichtshof dagegen geklagt. Dieser entschied daß sie zwar kein Anrecht auf das Land hatten, wohl aber mit einer dauerhaften Lösung entschädigt werden müssen. Wie man im folgenden Link sehen kann, existieren bereits jeweils 1000 Qm große Grundstücke mit Wasser und Stromanschluss am Ortsrand des nahegelegenen, palästinensischen Abu Dis. Jede Frau die sich zur Umsiedlung bereit erklärt erhält ein solches Grundstück. Der Beduine der mehr als eine Frau hat profitiert also. Dazu gibt es eine finanzielle Unterstützung von umgerechnet etwa 10.000 Euro laut „Btselem“ und 117.000 Euro dem Gatestone Institut zufolge. In einer 10 Jahre andauernden Schlacht vor dem Obersten Israelischen Gerichtshof um alternative Standorte für den Khan hat dieser nun festgelegt daß die Einwände, wie z.B. die Nähe zur Jerusalemer Müllkippe, unbegründet sind.

An dieser Schlacht um die Dominanz der Entwicklungsachsen beteiligen sich seit einigen Jahren auch unerwartete Mitspieler. Die EU und einige ihrer Mitgliedsstaaten.
181 Behausungen und 232 Schuppen wurden von der EU finanziert. Diese Bauten bestehen aus Paneelen die einen Aufbau innerhalb von Stunden erlauben. Da es sich um ungenehmigte Bauten handelt kommt ein EU Aufkleber drauf der ihnen diplomatische Immunität verleihen und so den Abriss verhindern soll.
Wer genau hinschaut kann auf den Bauten die dunkelblauen Aufkleber der EU erkennen.

2014 wurden 11 Mill. Euro allein für die Beduinen in Zone C aufgewendet.

Mehr zu den Hintergründen findet sich bei "Regavim"  hier: 

https://www.regavim.org/category/e1-adumim-region/

und speziell in dem Clip hier:

https://www.regavim.org/how-the-palestinian-authority-cynically-uses-bedouin/ 

Ein solches Vorgehen halte ich aus zwei Gründen für falsch. Zum einen wird die Verhandlungsbereitschaft der Palästinenser herabgesetzt wenn tatkräftig bei der Schaffung vorhandener Tatsachen geholfen wird. Zum anderen ist es moralisch fraglich ob man einerseits 11 Mill. Euro in beduinische Outposts investieren kann, und gleichzeitig lauthals gegen jüdische Outposts protestieren kann.

Der einen Seite helfen vorhandene Tatsachen zu schaffen ist kein probates Mittel um beide Seiten zu einer Verhandlungslösung zu bewegen.

Dienstag, 10. April 2018


 

Narrative

Um Vorgänge einordnen zu können ist es hilfreich die Narrative der beteiligten Parteien zu kennen. Es gibt keine Positionspapiere in denen die einzelnen Narrative festgelegt sind. Sie werden aber über längere Zeit hinweg klarer. Und so ist das was ich hier wiedergebe die Zusammenfassung aus vielen einzelnen Eindrücken über etwa zweieinhalb Jahrzehnte hinweg – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Das faszinierende daran ist wie man dieselben Vorgänge völlig anders darstellen kann. Die Grenzen zwischen dem palästinensischen und dem westlich linken Narrativ sind fließend, so wie auch die Grenzen zwischen dem der Siedler und dem allgemeinen Israelischen. Ausgehend von den Gegensätzen in den Narrativen kann man beginnen nachzuforschen wo denn die Wahrheit unter all den Behauptungen verschüttet liegt.

Das palästinensische Narrativ

Eines Tages kamen die bösen Zionisten aus dem Nichts um sich die fruchtbaren Felder der palästinensischen Ureinwohner unter den Nagel zu reißen. Das ist nicht verwunderlich, denn Juden sind von Natur aus habgierig und böse. Die Idee kam von einem reichen Juden aus Wien und ist eigentlich eine Neuauflage des Kolonialismus. Und so kamen Leute, die sich für ein Volk ohne Land hielten, in ein Land von dem sie behaupteten es habe kein Volk. Dabei ist das Volk der Philister mindestens ebenso alt wie das jüdische. Sie kamen in ein entwickeltes Land und behaupteten später alles selber aufgebaut zu haben, was natürlich auch einen rassistischen Unterton enthält, so als ob die Palästinenser nicht in der Lage wären etwas aufzubauen. Obwohl selber von den Nazis vertrieben, taten sie das dasselbe in zwei Kriegen, der Nakba und der Nachsa, der Urbevölkerung an. Wer blieb wurde Unterdrückt. Da alle Juden aus dem Ausland kamen wäre es die beste Lösung wenn sie wieder dorthin zurückkehren würden. Die meisten kamen aus der USA und der ehemaligen UDSSR und man sieht ihnen sofort an das sie nicht hier hingehören. Am schlimmsten sind die Siedler. Während arme Palästinenserkinder nach Wasser dürsten, schwimmen die in ihren privaten Swimmingpools. Dank ihrer zionistischen Ideologie haben sie auch keinerlei Skrupel im Westjordanland eine Apartheid einzurichten.
Darüber hinaus versucht man nun den Tempelberg zu erobern. Schon seit Jahren wird der Zugang zum Berg für g-ttesfürchtige Muslime, die dort beten wollen, von der Polizei immer wieder beschränkt. Nun haben die Siedler begonnen den Berg in grossen Besuchsgruppen systematisch zu überfluten. Jeder Muslim muß alles ihm Mögliche tun um dem Einhalt zu gebieten. Abgesehen von heimlichen archäologischen Grabungen unter dem Berg betreibt ein privater Verband Grabungen nebenan (Silwan) wobei nur die für Juden relevanten der 22 vorhandenen Schichten berücksichtigt werden.

Das westlich-linke Narrativ

Am Anfang war der Teilungsvorschlag. Die Juden stimmten schon damals zu und bekamen sofort ihren Staat von der UN. Nun wollen die Palästinenser ihren Teil und die frechen Juden, die inzwischen diesen Teil erobert haben, wollen ihn nicht mehr hergeben. UN Resolutionen die Israel zu einer Räumung auffordern (die haben ja schon ihren Staat bekommen) und die Unrechtmäßigkeit der Besiedelung beweisen, werden von Israel einfach ignoriert. Dabei ist ganz klar das nur eine 2-Staaten Lösung, die sich an der Grünen Linie orientiert, Frieden schaffen kann. Laut Artikel 49 der 4ten Genfer Konvention sind Siedlungen eindeutig Völkerrechtswidrig.
Da Israel der stärkere ist, muß es den ersten Schritt hin zu einem Frieden machen. Aber Israel kann sich ja alles erlauben da das Weltjudentum die USA in der Hand hat und diese schützt Israel in der UN mit ihrem Vetorecht.
Und so wird aus den einst vom Reich des Bösen unterdrückten und verfolgten, das Reich des Bösen von Heute, welches im Unterschied zu den Deutschen, nichts dazugelernt hat und daher skrupellos die armen Palästinenser unterdrücken kann. Diese haben natürlich keine andere Wahl als mit Terror und Feuerwerkskörpern aus dem Gazastreifen zu antworten. Obwohl 2005 geräumt, ist der Streifen ein riesiges Freiluftgefängnis für 2 Mill. Menschen. Von Mal zu Mal startet der jüdische Aggressor einen Krieg um Völkermord begehen zu können und so die Zahl der Palästinenser dort niedrigzuhalten.

Das Narrativ der ideologischen nationalreligiösen Siedler*

Zum einen hat uns der Herr das ganze Land westlich des Jordans versprochen (und eigentlich auch östlich davon) und daher gehört es uns, zum anderen gibt es keinen Gesprächspartner. Daher ist das Westjordanland zu annektieren – ohne die Zonen A und B in der weicheren Version und völlig in der puristischen Version. Wer von den dortigen Arabern bereit ist zu kuschen, darf bleiben - vielleicht.
Derzeit tobt ein Krieg um das Land. Nicht mit Waffen sondern mit Tatsachen vor Ort. Wir bauen Siedlungen dort wo schon zu biblischen Zeiten jüdische Ortschaften existierten und die Palästinenser benutzen die Beduinen um östlich von Jerusalem eine Nord-Süd Achse zu schaffen und am Rand der Negev Wüste um Gaza mit dem Westjordanland zu verbinden.
Wenn wir das Westjordanland erstmal annektiert haben werden sich die da draußen entweder schon daran gewohnen, oder sie sind Antisemiten und daher sowieso in jedem Fall gegen uns.

*Diese enge Eingrenzung ist wichtig, denn NICHT jeder der jenseits der Grünen Linie lebt denkt so, ich eingeschlossen. Vor einiger Zeit wurde dieser Abschnitt im Forum von "der Standard" wiedergegeben und als meine Position dargestellt.

Das israelische Narrativ

Am Anfang war eine abgelegene, heruntergekommene Provinz des Ottomanischen Reiches. Hier lebte eine kleine, verarmte jüdische Minderheit, dies aber zu allen Zeiten. Sie wurden auch zu allen Zeiten von Juden, die nicht im Land lebten, finanziell unterstützt. Weil wir eine Bindung zu diesem Land haben. Hier sind unsere Wurzeln.
Mitte des 19ten Jahrhunderts wurden die Ottomanen von europäischen Mächten unterstützt und in der Folge zu einer Öffnung des Landes gezwungen. Pilger aus Europa fingen an das Land zu besuchen. Erste Schritte zum Aufbau einer modernen Infrastruktur wurden gemacht. Mit dem Aufkommen der zionistischen Idee, die aus den bleichen Gettojuden selbstständige Menschen machen wollte, kamen ab 1882 Juden nach Pogromen in Rumänien und Russland ins Land. Sie wurden von reichen Jüdischen Gönnern aus Westeuropa unterstützt die für sie den arabischen Großgrundbesitzern Ländereien abkauften.
Der Aufbauwille der Neueinwanderer verbesserte die Infrastruktur. Die Kindersterblichkeitsrate sank dramatisch und entstehende Arbeitsplätze zogen Araber aus den umliegenden Ländern an (etwa 100.000). Den Arabern bereitete der ständige Zustrom von Juden aus Europa Unbehagen, obwohl es nicht mehr als etwa 10.000 pro Jahr waren. In den zwanziger Jahren begann mit dem britischen Mandat, die Patenschaft eines fortschrittlichen Landes um dem rückständigen Gebiet auf die Beine zu helfen. Bestandteil des Mandates war auch die Schaffung einer Heimstatt für das jüdische Volk durch Besiedelung, dort wo es die Anderen nicht störte.
Während der gesamten Mandatszeit gab es Unruhen zwischen Arabern und Juden. Dies obwohl der Peel Kommission zufolge, die 1936 für einige Monate im Land weilte, die Araber von dem jüdischen Aufbau profitierten. Die Kommission kam zu dem Ergebnis das es gemeinsam nicht geht, also müsse, entsprechend der demografischen Verteilung, geteilt werden. Die Situation verschärfte sich als durch den zweiten Weltkrieg hunderttausende Juden ins Land kamen. Der Teilungsvorschlag, der auf den Erkenntnissen der Peel-Kommission basierte, kam auf den Tisch. Er wurde aber von der Arabischen Liga abgelehnt und so kam es 1948 zum Unabhängigkeitskrieg. In der Unabhängigkeitserklärung wurden die Araber im Land aufgefordert sich am Aufbau zu beteiligen. Die Arabische Liga hingegen forderte die arabischen Bewohner zur vorübergehenden Räumung auf damit man das zionistische Gebilde ungestört vernichten könne. Einige leisteten dem Aufruf Folge, andere flohen aus Angst. Es gab feindlich gesinnte Dörfer und solche mit denen man Stillhalteabkommen hatte.
1967 griff Israel Ägypten und Syrien an um ihnen zuvorzukommen. Es lief besser als erwartet und so wurden Gazastreifen, Westjordanland und die Golanhöhen erobert. Die eroberten Gebiete wurden nicht besiedelt um als Faustpfand für den Frieden dienen zu können. Nach dem fast verlorenen Yom-Kippur Krieg von 1973 und nachdem die Likud 1977 die Regierung stellte, änderte sich die Auffassung. Man setzte von nun ab auf Sicherheit durch Präsenz. Seither und bis Abschluss des Oslo Abkommens wurden Siedlungen gebaut. Der Bau von Siedlungen ist legal, da die Zone C im Westjordanland rechtlich gesehen noch nicht verteiltes Mandatsgebiet ist, dem Mandat zufolge die Besiedelung durch Juden legitim ist und es seit dem Niedergang des Ottomanischen Reiches keinen legalen Souverän in dem Gebiet gab.
Mit dem Abschluss des Osloer Abkommens von 1993/95 verwalten sich die Palästinenser selbst, wobei immer noch die aus Sicherheitsgründen notwendige Kontrolle ausgeübt werden kann. Darüber hinaus wurde der Gazastreifen 2005 geräumt.