Sonntag, 1. August 2021

Was verschiedene Kalender mit der Stürmung der Al Aqsa Moschee durch die Polizei zu tun hatten.

Aktualisiert am 4.6.26 

Einen Tag vor dem Jerusalemtag stürmte die israelische Polizei die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg. Brutale Provokation des zionistischen Besatzers? Es ist schon etwas komplexer.

Die Klagemauer ist eine der Böschungsmauern des Tempelbergs. Bei begründetem Verdacht (der Berg ist Kameraüberwacht) rückt die Polizei an. Ihrzufolge hatten Ost-Jerusalemer Jugendliche Steine und andere Wurfgeschosse auf dem Tempelberg gelagert. Am folgenden Tag sollte die Flaggenparade am Damaskustor durch das muslimische Viertel der Altstadt bis zum Vorplatz der Klagemauer führen. Auf der Seite des Bergs steht lediglich ein eingeschossiger Bau - kein Problem also von dort Steine zu werfen die dann die unten auf dem Platz vor der Klagemauer versammelten Menschen gefährden würden.

 Siehe auch den Blogbeitrag von Jan. 2018 "Bemerkungen zum Tempelberg (Ver.2.0)"

Um die Hintergründe zu verstehen muß man auch auf die beiden relevanten Kalender schauen und nicht nur auf den Gregorianischen.

Muslimischer Kalender: 7.5. letztes Freitagsgebet im Ramadan, jüdischer: 10.5. Jerusalemtag, an dem wir Israelis der Befreiung der Stadt im 6-tage Krieg 1967 gedenken. Der Tag ist mittlerweile zu einer Machtdemonstration der Nationalreligiösen verkommen, an dem sie mit einem Flaggenmarsch durch die Altstadt bis zur Klagemauer paradieren. 

Im selben Jahr fiel auf denselben Tag auch der Laylat al-Qadr des Ramadan. Eid al-Fitr am 12.5. markierte das Ende des Fastenmonats. 14.5. AlQuds Tag, dasselbe wie der Jerusalem Tag, nur unter umgekehrtem Vorzeichen: der Fall der Stadt in die Hände der Ungläubigen. Eine Erfindung der Iraner um ihre Solidarität mit den Palästinensern auszudrücken. 15.5. war Nakba Tag, das Gegenstück zum israelischen Unabhängigkeitstag an dem der 710.000 geflüchteten und vertriebenen Palästinenser von 1948 gedacht wird.

Diese unselige Konzentration von Gedenktagen stellt die Vorgänge in den notwendigen Zusammenhang.

Mir scheint ausländischen Berichterstattern sind all diese Zusammenhänge völlig unbekannt oder zu komplex was in Folge das Narrativ vom willkürlich handelnden Israeli und vom seinen Launen schutzlos ausgelieferten Palästinenser nährt. Die Palestinian Authority wartet nur auf eine Gelegenheit zu behaupten der Tempelberg und die Al-Aqsa Moschee wären in Gefahr. Was die Angelegenheit dann auch Medienwirksam dramatisiert.

Scheich Jarrach, Vertreibung oder rechtmäßige Räumung

Gleichzeitig stand die Räumung von vier Familien im zwei Straßenbahnhaltestellen davon entfernten arabischen Stadtteil Scheich Jarrach an. Dies infolge eines Rechtsstreits, denn die Gebäude gehören jüdischen Eigentümern - es ist aber, wie so vieles bei diesem Konflikt, etwas komplexer.
1875 kaufte eine jüdische Stiftung diese Liegenschaften. Vor allem Juden aus dem Jemen zogen ein - bis sie 1948 durch die jordanische Armee vertrieben oder getötet wurden. Fortan bewohnten Araber die Häuser.
Die jetzigen Bewohner sind Araber die 1948 von Haifa und Jaffa geflohen waren. Die Jordanier boten ihnen an die Häuser auf ihre Namen zu registrieren – der Vorgang wurde jedoch von den jordanischen Behörden nicht zu Ende geführt. Bis in die frühen 1990er-Jahre zahlten sie den jüdischen Eigentümern auch Miete. Dann untersagten die palästinensischen Behörden die Mietzahlungen, da dies einer Anerkennung der israelischen Eroberung/Annektion gleichkäme. Vor einigen Jahren wurden die Eigentumsrechte von einer Siedlernahen Organisation aufgekauft. Sie möchte dort Juden ansiedeln, denn die Häuser befinden sich in der Nähe des Grabes von Simon dem Gerechten (Shimon Ha Zadik, ca. 300 v. Chr.), einem jüdischen Hohepriester.

Der Rechtsstreit zieht sich schon Jahre hin. Das Jerusalemer Bezirksgericht, vor dem verhandelt wurde, forderte die Seiten zu einem Vergleich auf. Die Palästinenser sollten bis zur Klärung der Rechtslage wieder Miete zahlen und auf ihre Ansprüche verzichten, wozu sie aber nicht bereit waren. Danach wurde der Fall vor dem Obersten Israelischen Gerichtshof verhandelt.

Quellen:

https://www.jpost.com/israel-news/several-arab-families-in-sheikh-jarrah-in-jerusalem-face-eviction-666954

https://www.jpost.com/middle-east/court-to-hear-today-if-sheikh-jarrah-compromise-reached-667307

Da es die Palästinenserbehörde ist die die Mietzahlungen untersagt, würde ich den Betrag von den Geldern abziehen die Israel an ebenjene PA überweist. So könnten die arabischen Familien weiter dort wohnen, ohne durch ideologische Siedler ersetzt zu werden, die nur für Unruhe sorgen.

Genauso umgekehrt. Vermischung halte ich in dem Fall für ein sicheres Rezept für Ärger.

Den freien Zugang zu religiösen Stätten halte ich für wichtig, und darunter fällt nicht nur der freie Zugang von Moslems zum Tempelberg sondern auch der Zugang zu einem Grab das sich schon vor dem Bau dieses Stadtteils dort befand. Ich glaube aber nicht das ein paar ideologische Siedler für seine Sicherung besser geeignet sind als ein paar zufriedene arabische Cafebesitzer in seiner Nähe und eine Polizei die bei Bedarf für Ordnung sorgt.

Ein Phänomen Namens E1



Gegenüber einer Schlafstadt vor den Toren Jerusalems liegt ein Hügel, E1 genannt.

Mit seinen auf dem 3500 Wohneinheiten, Hotel und einem kleinen Gewerbegebiet das Palästinensern aus dem angrenzenden Nachbarort A-Zaiim in israelischen Betrieben Arbeit bieten sollte ist es ein Phänomen. Obwohl ich auf dem Weg nach Jerusalem an diesem Hügel vorbeifahre hat es einige Zeit gedauert bis mir die weltpolitische Wichtigkeit dieses Hügels am Rande der judäischen Wüste bewusst wurde. Gebe ich "E1, Israel" in eine Suchmaschine ein, bekomme ich 462,000 Treffer. Wie schafft es ein Stadtteil einer jüdischen Schlafstadt im Westjordanland so viel Aufmerksamkeit zu erregen? Wobei er noch gar nicht gebaut wurde.

 

Die derzeitigen Nutzer von E1 ein Beduine mit seinen Ziegen

 

Der Hügel liegt gegenüber von Maale Adummim und sollte eine Stadterweiterung sein. 

 

E1 von Maale Adummim aus gesehen

 

 Geschichtlicher Kontext:

Durch den israelischen Sieg im 6-tage Krieg wurde die Teilung Jerusalems aufgehoben. Nach 19 Jahren war die Klagemauer, der Tempelberg und die Ruinen des von den Jordaniern zerstörten jüdischen Viertels für uns Juden wieder frei zugänglich.
Zu der Zeit entstand die Idee die Stadt mit einem Ring von jüdischen Ortschaften zu umgeben damit sie nie wieder geteilt werden könnte. Nach dem fast verlorenen Yom-Kippur Krieg von 1973 kam die Erkenntnis hinzu das Jerusalem nach Osten hin ungeschützt war. Das war der Grund für die Gründung der Siedlung Maale zwei Jahre später, wie mir eine der Gründermütter in einem Interview erzählte. Erwähnenswert das sich unter den Gründern Sozialdemokraten, Konservative und Nationalreligiöse fanden.

Der Ring aus neuen Stadtteilen existiert mittlerweile. Maale mit seinen 41.000 Einwohnern und seiner Lage direkt an der Hauptstraße von Jerusalem runter zur Jordansenke ist wohl das wichtigste Glied, aber auch Ramot (47.000 Einw.), Gilo (31.000 Einw.), Pisgat Seev (50.000 Einw.)... sind längst fertiggebaut. 

Das mit dem Ring hat allerdings nicht so recht funktioniert denn auch Schuafat (35.000 Einw.), Sur Baher (15.000 Einw.), Abu Dis (15.000 Einw.), Al-Azarya (Bethanien)(18.000 Einw.)... sind gewachsen. Statt Ring also eher Flickenteppich.

 

Blick in Richtung Maale und Azaria   

 

 Wegen dieser Flickenteppich-Realität wird von israelischer Seite argumentiert das Maale zu einer Enklave werden könnte. 1994 veranlasste der damalige Premierminister Rabin die Planung von E1.

Mit einer Enklave ganz in der Nähe hat man im Unabhängigkeitskrieg (1948) schlechte Erfahrungen gemacht.

„…when a convoy, escorted by Haganah militia, bringing medical and military supplies and personnel to Hadassah Hospital on Mount Scopus, Jerusalem, was ambushed by Arab forces.

Seventy-eight Jewish doctors, nurses, students, patients, faculty members and Haganah fighters, and one British soldier were killed in the attack. Dozens of unidentified bodies, burned beyond recognition, were buried in a mass grave in the Sanhedria Cemetery.”

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Hadassah_medical_convoy_massacre

Und so kommen wir zu den 12 QKm die E1 ausmachen. Es ist das unbebaute Gebiet zwischen Maale und Jerusalem. Begrenzt wird es im Süden und Westen von den benachbarten palästinensischen Ortschaften und nach Norden hin von einem Wadi und einer Straße.

Just an diesem Hügel prallen die Interessen von Israel und PA aufeinander.

Wir Israelis wollen die Verbindung von Tel Aviv über Jerusalem zur Grenze entlang der Jordansenke sichern. In dem Zusammenhang ist auch der große Krach um die Räumung von Khan-al-Ahmar zu sehen. Ein Beduinencamp direkt an der Straße, einen Steinwurf von E1 entfernt. Es soll abgerissen werden, denn die israelische Seite vermutet daß die PA die Beduinen dazu anstiftet sich entlang der Straße niederzulassen um so eine Art Kontrolle ausüben zu können. Die Schuppen der Beduinen erhalten natürlich keine Baugenehmigung von der israelischen Zivilverwaltung und so wird ab und zu abgerissen. Die obdachlos Gemachten kommen aber bei den Verwandten unter bis sie ihre Schuppen neu errichtet haben.

Die israelische Zivilverwaltung möchte sie in neu geschaffenen Ortschaften konzentrieren. Argument ist die bessere Versorgung (Wasser, Elektrizität, Schulen), die Sicherheit spielt wohl auch eine Rolle. Es ist leichter wenige große Ortschaften zu kontrollieren als die vielen kleinen Camps. Dasselbe Vorgehen findet man auch den Beduinen im Negev gegenüber. Siehe z.B. die Stadt Rahat.

Mehr dazu in meinem Blog hier: https://zonecinfo.blogspot.com/2018/09/

Weiterführende Quelle: http://honestreporting.com/despite-the-hype-e1-doesnt-cut-west-bank-in-two/

Blick von Maale in Richtung Jerusalem. E1 ist auf der rechten Seite


Die Palästinenser wollen die Verbindung von Samaria im Norden und Judäa im Süden sichern. Weil Jerusalem durch einen 20 Km langen Korridor nach Westen hin mit dem Rest des Landes verbunden ist, entsteht hier eine Einschnürung im WJL. Die PA (Palästinensische Autonomiebehörde) befürchtet daß aus der Einschnürung durch E1 eine Abschnürung würde denn das Gebiet liegt zentral im WJL auf einer möglichen Entwicklungsachse Ramallah – Betlehem.

2007 hat Israel mit dem Bau einer Straße exklusiv für Palästinenser begonnen die beide Städte verbinden sollte. Man kann einen Teil der Trasse in einem Tal bei Maale sehen. Israelischen Angaben zufolge blieb das Projekt stecken weil die PA sich weigerte die Straße an ihr bereits bestehendes Netz anzubinden. Es hätte das Argument der Abschnürung geschwächt.

Der PA gelang es die Amerikaner von der Gefährlichkeit des E1 Projektes zu überzeugen und von ihnen ein Veto zu erlangen. Dies obwohl es östlich von Maale noch einen 20 Km breiten Streifen bis zur jordanischen Grenze gibt – das Argument der Palästinenser steht also auf wackligen Füßen. Auf dem Hügel wurde bisher nur das Polizeihauptquartier für das WJL = Westjordanland gebaut.