Montag, 8. Juni 2026

Zivilschutz - die israelische Version

 

Opferzahlen und Zivilschutz

Aus aktuellem Anlass am 8.6.26 überarbeitet, denn am Morgen dieses Tages gingen die Raketenangriffe weiter.

Der Trick mit der Opferzahlengegenüberstellung

Wenn Israel mal wieder in einen Krieg verwickelt ist findet man in den Beiträgen der westlichen Medien oft Gegenüberstellungen der Opferzahlen. Es ergibt sich dadurch der Eindruck unsere Armee würde alles gnadenlos niederwalzen, während wir eigentlich garnicht wirklich in Gefahr sind. Was dabei völlig ignoriert wird ist der gut entwickelte Zivilschutz in Israel, während dies bei den Gegnern ein Fremdwort ist. Letztendlich handelt es sich dabei also um eine Meinungsmanipulation.

Während des 12-tage Kriegs mit dem Iran hat mich ein Schulfreund gefragt wie ich mit der ständigen Bedrohung zurechtkomme. Wie geht ein hochmodernes, westlich orientiertes Land, das auf Kriege vorbereitet ist, mit Raketenangriffen um?

Das Leben nach dem Murmeltierprinzip.

Radio oder Fernseher sind ständig eingeschaltet um nichts zu verpassen. Man geht seinem normalen Tagesgeschäft nach bis man eine Vorwarnung per Mobiltelefon bekommt. Danach bereitet man sich auf das Sirenengeheul vor. Manchmal kommt es, manchmal nicht. Ich kann nicht behaupten ich hätte unter den Raketen aus dem Iran gelitten, ich bemerkte aber die plötzliche Lust auf Süssigkeiten und eine Antriebslosigkeit wegen der doch vorhandenen ständigen Anspannung.

Wir haben eine sehr gute Früherkennung mit Satelliten und Drohnen über dem Iran. (Für den Gazastreifen und Südlibanon reichen Drohnen.) Dazu kommt eine sehr gute Luftabwehr, Stichwort Iron Dome. Den Nachschub an Raketen bekommen wir offensichtlich von den USA. Von 10 bis 20 iranischen Raketen kam durchschnittlich nur eine durch. Auch weil ein Teil davon unterwegs von der US Army mit dem THAAD System abgefangen wurde. Die Iraner haben auch genauere Raketen, aber bei der Abfangquote macht es keinen Sinn die zu verwenden.

Sobald sich eine ballistische Rakete aus dem Iran oder aus dem Yemen auf den Weg zu uns macht, kommt die Vorwarnung durch das Mobiltelefon. Man hat dann 10 min. Zeit Schutz zu suchen. Je mehr Zeit vergeht umso genauer lässt sich der Einschlagsort berechnen und wenn die Luftabwehr "sieht" daß eine Rakete in unserer Gegend einschlagen könnte, heulen etwa zwei Minuten vorher die Sirenen.

Ein Cousin von mir wohnt in Tel Aviv in einem älteren Haus im 4ten Stock. Seit den 70ger Jahren gebaute Wohnhäuser haben einen gemeinsamen Bunker für alle Hausbewohner im Keller. Die Raketen kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit, in seiner Gegend heulten die Sirenen durchschnittlich 3 Mal am Tag. Manche übernachten dann einfach in diesem Bunker um nicht mitten in der Nacht runterhasten zu müssen und dann die Nachbarn zu treffen, während man im Pyjama ist.

Bei uns geht es wesentlich komfortabler zu, weil unser Haus nach 1992 gebaut wurde und alle seitdem in Israel gebauten Wohnhäuser einen Schutzraum in der Wohnung haben. Bei uns ist es das Zimmer der Tochter. Es hat eine Tür und einen Fensterladen aus dickem Stahl und ein spezielles Fenster, die Wände sind aus 20 cm. dickem Beton. Es verteuert die Wohnung um umgerechnet 13.000 €. Heulen die Sirenen versammeln wir uns dort, schalten das Radio ein und starren in die Mobiltelefone um mitzubekommen was los ist und warten auf die Entwarnung. Die kommt meistens nach bis zu 20 Minuten. Danach versucht man möglichst schnell die vorher unterbrochene Tätigkeit wiederaufzunehmen, oft mit eingeschaltetem Fernseher im Hintergrund.

Der Anteil der Wohnhäuser mit Schutzräumen und Bunkern liegt bei jeweils einem Drittel. Der Rest hat weder noch. Vielleicht einen gemeinsamen Bunker in der Nachbarschaft.

Natürlich machen wir auch ein Risk Assessment. Anzahl der Alarme in den 12 Tagen hier: 5, Anzahl der Einschläge in unmittelbarer Nähe: 0. Meine Erklärung dafür ist die Location: wir sind kaum 10 Km Luftlinie vom Jerusalemer Tempelberg entfernt und die iranischen Raketen sind ungenau. Der Tempelberg ist zwar kein heiliger Ort für die Schiiten, aber die wollen die sunnitischen Nachbarn sicher nicht verärgern.

Während der Koronaepidemie wurde die Arbeit von zu Hause ausgebaut und so konnten alle die ihre Arbeit am Rechner erledigen von zu Hause aus weitermachen. Meine Frau und Tochter gehören dazu und konnten sich nun über eine Stunde Fahrt zur Arbeit ersparen. Nicht ganz so effizient, aber daß man trotzdem weitermachen kann ist ein wichtiger Aspekt. 

Da man es auch soweit möglich vermeidet nach draußen zu gehen, bekommt man mit der Zeit eine Art Hüttenkoller. Das beste Mittel dagegen: Risiko eingehen und trotzdem mal einen kurzen Spaziergang machen.

Einmal hat es mich auch am Supermarkt an der Kasse erwischt – man geht dann mit der Kassiererin und all den anderen Kunden in den dortigen Schutzraum und macht nach der Entwarnung weiter. Problematisch wird es wenn man Unterwegs ist, man sollte sich einfach kleiden, besonders wenn man im Auto sitzt. Es ist mit seinem Sprit oder seiner Batterie eine rollende Bombe. Wenn die Sirenen heulen, oder besser schon nach der Vorwarnung empfiehlt es sich rechts ranzufahren, auszusteigen und weiter weg auf dem Boden, auf dem auf dem Bauch liegend und mit den Händen das Genick bedeckend, Schutz zu suchen. So ist man in freiem Gelände am besten vor herumfliegenden Splittern geschützt.

Nachdem Mr.President den Waffenstillstand beschlossen hatte, kehrten wir schon am nächsten Tag zum Alltag zurück. Meine beiden Frauen standen wieder kurz nach 5 Uhr morgens auf um zeitig mit dem Bus zur Arbeit zu fahren und alle Schulen waren wieder geöffnet. 

Von Kriegsroutine zurück zur Alltagsroutine in nur einem Tag.

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