Zum Thema Beschneidung
Was habe ich damit zu tun?
Die Diskussion um dieses Thema leidet an einem fürchterlichen Wissensdefizit. Als aufgeklärt erzogener Jude möchte ich meinen Beitrag dazu leisten dieses Defizit zu reduzieren damit die Diskussion halbwegs vernünftig geführt werden kann.Worum geht es hier?
Ein Kölner Gericht urteilte, daß ein muslimischer Arzt, der einen vier Jahre alten Jungen auf Wunsch seiner Eltern beschnitten hatte, eine Körperverletzung beging. Das Urteil vom Juni 2012 stellte das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit über dem Recht der Eltern und der Freiheit der Religionsausübung. Der Arzt wurde freigesprochen weil er nicht wissen konnte daß dies verboten war. Danach könne aber kein Arzt dies mehr behaupten.
Die ehemalige Kinderschutzbeauftragte des Bundestages beantragte daraufhin die Beschneidung zu verbieten. Dies wurde jedoch durch das sogenannte Beschneidungsgesetz vom Dezember 2012 verhindert. Ende der Geschichte? Nein, denn dieselbe Frau hat als erste "Generalberichterstatterin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates für Belange der Kinder" der EU einen Bericht vorgelegt und die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat daraufhin ein Dokument vorgelegt in dem die Beschneidung zusammen mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen = FGM als Grund "besonderer Besorgnis" bezeichnet. Die Mitgliedsstaaten des Europarates sollten deshalb das Bewusstsein für Risiken solcher Praktiken fördern und das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen.
Sind Beschneidung und FGM vergleichbar?
Unter http://en.wikipedia.org/wiki/FGM#Reasons finden sich folgende Erklärungen für FGM: die Verhinderung von vorehelichem Geschlechtsverkehr und/oder die Reduzierung der weiblichen Lust damit es dem Mann leichter fällt mehrere Frauen zu haben. Bei den Dogon in Mali steht anscheinend feucht für weiblich und trocken für männlich, daher wird das jeweils andersartige weggeschnitten. Schon bei den alten Ägyptern findet sich dieses Vorgehen.FGM fügt den Mädchen unbestritten einen anhaltenden Schaden zu und bringt auch keinerlei medizinische Vorteile. Die Beschneidung hingegen fügt keinen anhaltenden Schaden zu und galt bis zum Ausbruch der Beschneidungsdebatte sogar als medizinisch vorteilhaft - siehe http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-11/weltaidstag
Warum wird so sehr aufs Judentum fokussiert (und nicht auch auf den Islam)?
Mohammed zählt die Beschneidung als eine der Weisungen für die fitrah auf. Die befolgung der fitrah soll dem Gläubigen Anerkennung und Würde verleihen. Im Koran steht: "Folge dem Glauben Ibrahims, dem Aufrechten im Glauben." (16:123) Aussagen zum Glauben Ibrahims oder auch Abrahams finden wir in der Torah, so auch explizit die Weisung zu Beschneiden. In Mose 1,Kapitel 17 ab Vers 9 wird Abraham vom Herrn mit der Ausführung beauftragt.Eigene Übersetzung:
9:" Und der Herr sagte zu Abraham: bewahre meinen Bund, du und der Same der nach dir kommt für alle Generationen. 10 Dies ist mein Bund den ihr wahren sollt zwischen mir und euch und eurem Samen der nach euch kommt. 11 Beschneiden sollt ihr euch jeden männlichen (Nachkommen). 12 Beschneidet das Fleisch der Vorhaut und es soll werden zum Zeichen eines Bundes zwischen mir und euch. 13 Und acht Tage alt beschneidet euch jeden der männlich ist für alle Generationen, den im Haus geborenen und den für Geld erworbenen von jedwedem Fremden der nicht von deinem Samen ist. Beschneide den in deinem Haus geborenen und den für Geld erworbenen und es ward mein Bund in eurem Fleische zu einem Bund solange die Welt besteht. 14 Der männliche welcher nicht das Fleisch seiner Vorhaut wird beschneiden, herausgerissen (ist) jene Seele aus seinem Volke, gegen meinen Bund hat sie verstossen."
Brauch, Tradition oder was?
Beschneidungsgegner tun die Beschneidung als archaisch/primitive Tradition ab. Ein Brauch, eine Tradition ist etwas was sich in Folge der Auslegung der Schriften etabliert hat und geändert werden könnte wenn man nur bereit wäre die Schriften anders auszulegen. Da die Beschneidung aber in der Torah direkt angesprochen wird, ist sie nicht Tradition oder Brauch sondern ein Gebot des Jüdischen Glaubens und indirekt auch des Islam.Man könnte demnach fordern daß die Eltern über ihr Handeln aufgeklärt werden, man kann sogar fordern daß der Vorgang selber von medizinisch geschultem Personal vorgenommen wird ohne mit dem Gebot selbst in Konflikt zu kommen.
Pro und Kontra Beschneidung
Pro:Man braucht kein Doktor zu sein um sich denken zu können daß Hautfalten ein vorzüglicher Aufenthaltsort für Bakterien/Krankheitskeime sind.
Kann sein dies, kann sein das - leider findet sich im Alten Testament keine Erklärung für dieses Gebot. Schluderigkeit beim Niederschreiben der Anweisungen? Ich glaube nicht. Da es nicht das einzige Mal ist, geht es wohl eher darum die Gläubigen zu nötigen sich Gedanken über deren Inhalt zu machen.
Significant acute complications happen rarely, occurring in about 1 in 500 newborn procedures in the United States... The mortality risk is estimated at 1 in every 500,000 neonatal procedures conducted within the United States.
Contra:
Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit gemäß Artikel 2 des Grundgesetzes.
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| Traumatisiert oder fröhlich? |
An die erste Beschneidung bei der ich dabei war kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür war ich zu jung. Auch an die Schmerzen kann ich mich nicht mehr erinnern und bin daher meinen Eltern für die schnelle Erledigung der Angelegenheit dankbar. Ich kann aber auf folgendes Link verweisen:
http://dradler-berlin.de/media/operation-beschneidung.pdf:
Dort findet sich folgendes:
Die Fachwelt ist sich uneins, wie ausgeprägt Schmerzempfindungen in der Genitalregion des Neugeborenen bzw. die Schmerzverarbeitung des Nervensystems beim Neugeborenen sind.
Tatsächlich weinen die Kleinen oft gar nicht, oder nur kurz, bzw. schreien bereits, wenn sie noch nicht mal entblößt sind, weil sie die ungewohnten Geräusche, die fremden Menschen und die fehlende Nähe zur Mutter missmutig stimmen. Sicher ist jedoch, das die Schmerzempfindung deutlich zunimmt, je älter das Kind ist. Schon drei Wochen nach der Geburt eines reif geborenen Kindes sind die Schmerzreaktionen deutlich und heftig weshalb spätestens dann eine örtliche Betäubung mittels Spritze und zuvor mittels Betäubungscreme erfolgen sollte.
Ist die medizinische Indikation hier relevant?
Ich meine - nein, weil es sich um ein Gebot handelt. Als Gläubiger wird man auch ohne erwiesene medizinische Vorteile beschneiden denn gläubig sein heißt zum einen die menschliche Unvollkommenheit zu sehen und zum anderen an eine höhere Instanz zu glauben die schon ihre Gründe haben wird wenn sie etwas anordnet.Rechtslage
Im folgenden einige Kommentare aus dem Zeit-Forum die mir relevant erschienen.Bei der Abwägung zwischen dem Recht der Eltern aus Artikel 6 sowie deren Recht auf die Freiheit der Religionsausübung gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes auf der einen Seite und dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Grundgesetz) auf der anderen Seite sei festzustellen, dass die Beschneidung als traditionell-rituelle Handlungsweise der Dokumentation der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit zur muslimischen Lebensgemeinschaft diene. „Damit wird zugleich einer drohenden Stigmatisierung des Kindes entgegengewirkt“, heißt es im erstinstanzlichen Urteil welches dann in zweiter Instanz revidiert wurde.
BVerfGE 93, 1:
Problematisch wäre es wenn die Beschneidung zu einer dauerhaften Festlegung auf einen Glauben führen würde. Das ist aber nicht der Fall, jedenfalls ist mir keine Religion bekannt die von ihren Gläubigen verlangt unbeschnitten zu sein.
Praktische Konsequenzen eines Verbots
Hier der Versuch sich in die Lage des Kindes zu versetzen sollten die Empfehlungen des Europarates zu Gesetzen reifen.Jüdische und Muslimische Jungen in Deutschland müßten bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit mit 14 abwarten um dann selber entscheiden zu können ob oder ob nicht. Statt daß die Beschneidung zu einem Zeitpunkt vollzogen wird an dem man über die Schmerzempfindung des Betroffenen diskutieren kann, würde sie auf einen Zeitpunkt verlegt wo es zweifellos weh tut - und warum? Weil jemand der eigendlich nichts damit zu tun hat ihm Vorhaut und eine Wahlfreiheit erhalten will die in der Praxis nicht durchsetzbar ist. Oder sollten sie etwa von Zeit zu Zeit vorstellig werden, die Hose runterlassen damit sichergestellt werden kann daß keine Gesetzesübertretung begangen worden ist? Sollten jüdische und muslimische Jungen in speziellen Internaten großgezogen werden damit sie mit 14 Jahren wirklich objektiv, von den Eltern unbeeinflusst entscheiden können?
Ein ziemlich extremes Szenario, realistischer sind diese beiden Möglichkeiten:
Die herannahende Entscheidung bliebe den Schulkameraden nicht verborgen. Würden sie den Jungen darin bestärken sich zu seinem Glauben zu bekennen oder würden sie ihn auffordern, im Sinne der Aufklärung, von diesem archaischen Ritus abzulassen? Wäre es nicht viel naheliegender daß sie die Gelegenheit nutzen würden den Jungen zu hänseln, oder sich sonstwie auf seine Kosten einen Spaß machen? Folge könnte sein daß die Eltern ihre Söhne lieber in "eigene" Schulen schicken um ihnen daß zu ersparen - Segregation statt Integration.
Sollte er bis dahin seine Verwandten in Israel oder der Türkei besuchen, werden die wohl hinter vorgehaltener Hand tuscheln - das wäre ein Beispiel für die im Erstinstanzlichen Urteil angesprochene Stigmatisierung. Ein viel besserer Nährboden für Komplexe als wenn man die ganze Sache in den ersten Lebenstagen hinter sich bringt. Wohl dem der Verwandten hat die bei sowas nicht tuscheln würden.
Noch wahrscheinlicher wäre, daß ein "Beschneidungstourismus" anfinge. Jene denen daran liegt würden ihren Sohn dann ausserhalb der EU beschneiden lassen. Effekt: Kinder würden weiterhin beschnitten werden, nur nicht "vor unserer Haustür". Der Junge müsste natürlich dafür sorgen diesen Umstand bis zu seinem 14ten Geburtstag zu verheimlichen.
Integration ist nicht Gleichmacherei sondern den Anderen in seinem Anderssein akzeptieren können. Dabei braucht man keine Angst zu haben der Andere könne sich nicht eingliedern nur weil er anders ist. Ich denke die meisten Migranten sind heilfroh in Deutschland zu sein und wenn sie auch nicht ihre eigene Identität ablegen wollen, so werden sie doch wenigstens wie gerngesehene Gäste sein wollen die ihren Teil zum Gesamtwohl beitragen, so war es jedenfalls bei meinen Eltern.
Aufklärung kontra Religion
Der Gläubige Mensch sieht die Unvollkommenheit des Menschen und sucht das vollkommene, das unveränderliche. Dies konnte von Stellvertretern ausgenutzt werden. Die Aufklärung hat es geschafft diesen Misständen durch das Prinzip der Bildung für alle, ein Ende zu setzen. Heute können wir lesen, wir können selber in die Quellen schauen und uns eine eigene Meinung bilden. Nun muß also alles erklär- und begründbar sein. Die Vernunft wird als oberste Instanz gesehen welche sich auf das derzeitige Wissen stützt. Dieses Wissen kann sich aber ändern und die menschliche Vernunft ist ein arg limitiertes und unzuverlässiges Ding. Ein Gläubiger wird nicht anfangen sein heiliges Buch zu editieren weil Teile davon mit dem gerade herrschenden ZeitGeist der Umgebung nicht in Einklang stehen denn in dem Fall hätte er seinen G-tt einem Geist geopfert.Eine Errungenschaft der Aufklärung ist daß man über alles offen reden kann, doch wenn als Folge davon die Genitalien Andersgläubiger ins Rampenlicht gezerrt und genauestens inspiziert werden anstatt sich mit dem Glaubens- und Regelgebäude der betroffenen Religionen auseinanderzusetzen um eine sinnvolle Diskussion zu führen wirft dies Fragen zum Wert der Offenheit auf.
Auch wenn man nicht glauben kann daß das was in den Heiligen Büchern erzählt wird in der Form stattgefunden haben kann, der Umstand das soviele Menschen sich bis Heute mit der Materie befassen legt nahe daß man etwas daraus lernen kann. Wenn man der Religion mit Misstrauen begegnet nur weil sie mal von Menschen zu ihren eigenen Zwecken missbraucht wurde kann man von ihren Inhalten nicht profitieren. Nur wer kein Interesse hat sich zu bessern weil er sich für vollkommen hält wird sich daran nicht stören.
