Dienstag, 3. Mai 2016

Kolonialisten - im Ernst? (Ver. 2)


Kolonialisten - im Ernst? (Ver. 2)


Das Narrativ der Palästinenser möchte es so darstellen als seien wir Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels (dessen Existenz sie in Frage stellen) um 70 n. Chr. durch die Römer aus dem Land vertrieben worden. Rund 1.800 Jahre später erinnerten wir uns dann an diese Geschichte und kamen auf die Idee ausgerechnet an diesem Ort eine Autonomie zu gründen. Und so kam 1882 die erste Einwanderungswelle aus Osteuropa. Doch was war davor? Nur rechtschaffende, bodenständige Palästinenser die nicht ahnten daß ihnen eine Zionistische Invasion bevorsteht? Schon in meinen Kindertagen erzählte mir meine Mutter daß trotz der Tempelzerstörungskatastrophe, nicht viele, aber doch ständig Juden in vier Städten im Land gelebt haben. Dies wurde im Zeitforum von einem Mitforisten "vom Tisch gewischt" woraufhin ich mich hilfesuchend an die Wikipedia wandte. Das Ergebnis:
Abraham verläßt das Land wegen einer Dürreperiode, kehrt aber zurück. Joseph verläßt das Land unfreiwillig, holt dann 70 Familienangehörige nach, aus denen nach 400 Jahren etwa 4,2 Millionen Menschen werden, die mit Moses ins Land zurückkehren.
Der Auszug aus Ägypten könnte im April 1335 v. Chr. gewesen sein, weil kurz vorher eine Sonnenfinsternis stattfand, was sich mit der einen von den 10 Plagen decken würde. Ankunft in Jericho wäre dann im Jahre 1295 v. Chr.
Rund 285 Jahre später, also 1010 v. Chr. soll König David sein Königreich mit Hauptstadt Jerusalem gegründet haben. Handfeste Beweise für all dies gibt es allerdings meines Wissens nicht.
Was natürlich nicht heißen soll daß es gar keine Beweise gibt. Der älteste konkrete Beweis für eine jüdische Präsenz im Lande findet sich in einem Tunnel in Jerusalem. Es ist der Hiskija-Tunnel mit einer Inschrift auf Alt-Hebräisch der den Namen des Initiators trägt. Dem amerikanischen Archäologen Edwin R. Thiele zufolge, der judäische König mit ebendiesem Namen, der dem Alten Testament zufolge etwa um 700 v. Chr. herrschte.
Aus derselben Zeit wurden Hebräische Siegel in Lachish gefunden. Sie verweisen auf einen jüdischen König von Hebron. Die Stadt war im Altertum ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum, strategisch günstig gelegen mit dem Toten Meer im Osten, Jerusalem im Norden, Negev und Ägypten im Süden und die Küstenebene im Westen.
Aus der Zeit vor der Zerstörung des ersten Tempels (586 v. Chr.) finden sich auf dem Hügel gegenüber der Jerusalemer Altstadt, Gräber von Priestern des Tempels mit entsprechenden Inschriften. Auch eine Gruft mit einer Inschrift derzufolge dort ein Priester bestattet ist, der nach Babylon verschleppt wurde und dessen Leichnam hierher gebracht wurde um ihn an dieser Stelle zu beerdigen. Die Zerstörung des ersten Tempels und der Verschleppung der jüdischen Intelligensia durch die Perser bedeutete nach 424 Jahren das Aus für das jüdische Königreich. Um 379 v. Chr. erlaubte der persische Herrscher den Nachfahren die Rückkehr – 42.000 Juden sollen davon Gebrauch gemacht haben.
Abgesehen vom Tempelberg mangelt es in Jerusalem nicht an Ausgrabungen, so auch im ganzen Land und es ist kein Problem eine jüdische Präsenz bis zur Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. nachzuweisen. Und danach? Verschwanden wir Juden wirklich für 1.812 Jahre, bis zur ersten Einwanderungswelle 1882 ganz aus dem Land?

In Safed und Tiberias, beide in Galiläa und etwa 160 Km von Jerusalem entfernt, fanden die jüdischen Gelehrten nach der Zerstörung des zweiten Tempels Zuflucht. Die 35 Km. voneinander liegenden Städte entwickelten sich zu den wichtigsten Zentren jüdischen Lernens im Land. Daher finden sich auch kontinuierlich Belege für eine jüdische Präsenz in beiden Städten.
Safed findet schon im Jahr der Tempelzerstörung in den Berichten des jüdischen Historikers in römischen Diensten, Josephus, Erwähnung.
Im Jerusalemer Talmud aus dem 4 – 5ten Jhdt. n.Chr. wird die Stadt nochmals erwähnt.
Obwohl erst im Jahre 20 n. Chr. gegründet, wurde Tiberias nach der Vertreibung aller Juden aus Jerusalem um 135 n.Chr., in Folge des jüdischen Bar-Kochbah Aufstandes, mit dem benachbarten Sepphoris zu einem jüdisch-kulturellen Zentrum. Beide Städte konnten sich in ihrer Bedeutung für die jüdische Welt mit Babylon, Alexandria, Aleppo und dem Perserreich messen. Der Sanhedrin, der höchste jüdische Gerichtshof, kam im Jahre 150 n. Chr. in die Stadt. 13 Synagogen gab es hier im 2ten Jhdt..

Nachdem im Jahre 638 n. Chr., nach der Eroberung durch das islamische Kalifat, Juden wieder in Jerusalem wohnen durften, darunter auch 70 Familien aus Tiberias, begann etwa um 1000 n.Chr. eine Blütezeit die aber 1099 abrupt endete, als die Stadt durch die Kreuzritter erobert wurde und alle Nicht-Christen ermordet oder vertrieben wurden. Und wieder erlaubt ein muslimischer Eroberer, diesmal Sultan Saladin um 1187 den Juden nach Jerusalem zurückzukehren.
Auch in Hebron wurde zu Beginn der islamischen Ära (um 638 n. Chr.) den Juden erlaubt wieder in der Stadt zu wohnen und auch eine Synagoge dort zu errichten.
Geniza Dokumente aus dem 9ten Jhdt. n.Chr. Beschreiben eine Synagoge, neben dem Grab der Patri- und der Matriarchen mit einer organisierten jüdischen Gemeinde die sich um die Versorgung von jüdischen Pilgern und Kaufleuten kümmerte.
Geniza ist eine Sammlung von etwa 300.000 Dokumenten aller Art die in einer Synagoge in der Kairoer Altstadt gefunden wurden. Die ältesten sind aus dem Jahre 870 n. Chr bis zum 19 Jhdt. Dazu muss man wissen daß Schriftstücke auf denen der Name des Herrn geschrieben steht nicht vernichtet, sondern begraben werden. In diesem Fall wurden sie in eine halbverborgene Nische in einer Synagoge abgelegt, die sich langsam auffüllte bis ihr historischer Wert gegen Ende des 19 Jhdt. erkannt und die Dokumente zur Auswertung nach England gebracht wurden.
Laut Anton Kisa, einem deutschen Kunsthistoriker des späten 19 Jhdt.(Das Glas im Altertum), gründeten Juden aus Hebron schon im 9ten Jhdt. n.Chr. die bis heute dort ansässige Glasindustrie.

Das 8te Jhdt. n.Chr. war das goldene Zeitalter von Tiberias, sie galt als eine der tolerantesten, multikulturellen Städte im westlichen Asien. Vom 8ten bis zum 10ten Jhdt. war die Stadt ein Zentrum jüdischer Gelehrter. Bis zum 10 Jhdt. war dies die größte jüdische Stadt in Galiläa und ein wichtiges jüdisches Zentrum mit landesweiter Bedeutung. Zu Beginn des 12ten Jhdt. zählte die jüdische Gemeinde in Tiberias 50 Familien.
Ein französischer Rabbiner der Safed um 1210 besuchte berichtete von einer jüdischen Gemeinde mit etwa 50 Mitgliedern. Infolge seiner Berichte kamen 300 englische und französische Juden in das Land um sich dort anzusiedeln.
Rabbi Yechiel kommt 1258 von Paris ins Land und gründet eine Yeshiva in Akko. Auch der Ramban kommt aus Ägypten nach Akko.

1492 fand die spanische Inquisition statt. Sie brachte viele sephardische Juden in die ottomanischen Provinzen und so auch einen langsamen Zustrom in das Land.
1481 fand der jüdisch italienische Reisende Meshulam von Volterra 20 jüdische Familien in Hebron. Einige Kabbalisten/jüd. Mystiker ließen sich in der Stadt nieder. Um 1540 gründete Malkiel Ashkenazi, ein Rabbiner aus Saloniki, der sich mit Kabbala/Mystik befasste, eine Synagoge. Zu dieser Zeit lebten 8-10 jüdische Familien in der Stadt. 1659 gründete ein Abraham Pereyra aus Amsterdam in Hebron eine Yeshiva/Betschule die viele Schüler anzog.

1558 erhielt eine portugiesisch stämmige Marrano, Donna Gracia, die Gewähr zur Steuereintreibung in Tiberias und ihrer Umgebung durch Sultan Süleyman den Prächtigen. Sie erhielt die Genehmigung eine jüdische Autonomie einzurichten da sie die Stadt zu einer jüdischen Fluchtburg ausbauen wollte. 1561 wurde ihr Neffe, Josef Nasi, Fürst von Tiberias und lud Juden ein dorthin zu kommen. Mit einem Dekret des Sultans wurden die Stadtmauern erneuert und der Grundstein für die lokale Seidenherstellung gelegt indem Maulbeerbäume gepflanzt wurden und Fachleute vor Ort gebracht wurden.
Viele Rabbiner kamen mit ihren Gemeinden nach Safed. 1525-6 hatte die Stadt 232 jüdische Haushalte. Um 1553-4 waren es bereits 716 und 56 jüdische Junggesellen. Einer Aufstellung von 1584 zufolge gab es in der Stadt 32 Synagogen. Zu der Zeit war die Stadt ein Zentrum des jüdischen Mystizismus. Um 1625 schreibt Franciscus Quaresmius, ein italienischer Orientalist, daß die Stadt vornehmlich von Juden bewohnt war, die Synagogen und ihre eigenen Schulen unterhielten.
1660 wurden Safed und Tiberias von Drusen zerstört. Die Juden von Tiberias verließen daraufhin die Stadt. Zahir al-Umar (1720 – 42), Scheich und autonomer Herrscher in Nord-Palästina lud Juden ein sich wieder in der Stadt anzusiedeln. So auch den Rabbiner Chaim Abulafia aus Smyrna um die jüdische Gemeinde der Stadt wiederaufzubauen. 1780 siedelten polnische Juden in Tiberias. Als die Stadt 1837 von einem starken Erdbeben getroffen wurde starben 500 Juden. Fünf Jahre später hatte die Stadt bereits 3.900 Einwohner, ein Drittel davon Juden. 1850 gab es in Tiberias 3 sephardische Synagogen für 80 Familien und 100 aschkenasische (polnische und russische) Familien. 1901 hatte die Stadt 3.600 Einwohner, davon 2.000 Juden. 1912 waren es 6.500 Einwohner, davon 4.500 Juden.
Um 1776 und um 1781 kamen russische Juden nach Safed. 1809 und 1810 kamen litauische Juden in die Stadt.

Um 1700 wandert der Hassidische Rabbi Yehuda mit einer 1000 Köpfigen Gefolgschaft aus Polen ein. Sie siedeln sich in Jerusalem an.1836 erlaubte Ibrahim Pasha, der Gouverneur von Ägypten den Wiederaufbau von vier Synagogen in Jerusalem. 1845 erarbeitete der preussische Konsul in Jerusalem eine Aufstellung der Einwohner. Ihr zufolge hatte die Stadt 16.410 Einwohner, davon 7.120 Juden, 5.000 Moslems, 3.390 Christen, 800 türkische Soldaten und 100 Europäer.
1850 bestand die jüdische Bevölkerung Hebrons aus 45-60 Sephardischen Familien und 50 Ashkenasischen Familien aus Polen und Russland die 1823 eingewandert waren.
 
https://en.wikipedia.org/wiki/Cairo_Geniza
https://en.wikipedia.org/wiki/Jerusalem#Overview_of_Jerusalem.27s_historical_periods
https://de.wikipedia.org/wiki/Hiskija-Tunnel
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Safed
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Tiberias

Dienstag, 4. August 2015

Meine Siedlung


Was ist das für eine Siedlung die unweit von Jerusalem jenseits der Grünen Linie liegt, einen eigenen Siedlungsblock darstellt und mit ihren über 40.000 Einwohnern in sämtlichen EU Jahresberichten erwähnt wird?
Sie liegt im Westjordanland in der Zone C, die dem Osloer Abkommen entsprechend unter Israelischer Verwaltung steht. An dem einen Ende ist sie 7 Km und an dem anderen Ende 11 Km von der Grünen Linie entfernt.

Eines der Mosaiken beim Barmherzigen Samariter
Das Siedlungsgebiet, einschließlich Industriegebiet umfasst großzügige 50 QKm (48.000 Dunam). In dieser Fläche sind ebenso Truppenübungsplätze wie die Überreste zweier byzantinischer Einsiedlerklöster und eine Zollstation aus ottomanischer Zeit enthalten. Letztere ist als Barmherziger Samariter besser bekannt. Heute findet man dort ein Museum mit Mosaiken aus römischer und byzantinischer Zeit und kann auch eine Wohnhöhle besichtigen die seit der frühen Eisenzeit genutzt wurde.

Die Überreste des Martyriusklosters in Maale Adumim

Das Klima ist im Winter nicht so kalt wie in Jerusalem weil man durch den Bergrücken auf dem Jerusalem liegt von den Niederschlagsreichen Westwinden vom Mittelmeer geschützt ist. Dafür liegt aber die jährliche Niederschlagsmenge zwischen 160 und 400 mm. Tagsüber ist es heiß und angenehm trocken und nachts kann es kühl werden.

Die Überreste des Hortymiusklosters in Mishor Adumim


Der Name kommt aus dem Alten Testament, dem Buch des Josua, Kap.15, Verse 6 – 18 (15:7,18:17). Dort wird diese Gegend als Grenze zwischen den Territorien der jüdischen Stämme Benjamin und Judah erwähnt. Der Name bedeutet Rotsteig und bezieht sich auf die Felsen die den alten Handelsweg von der Jordansenke rauf nach Jerusalem säumten, denn im Sandstein fand sich eine rote Maserung.
Nein, keine Kathedrale sondern die riesige Zisterne des Hortymiusklosters


Entstehungsgeschichte

Bis 1965          König Hussein von Jordanien lässt eine Verbindungsstraße von Amman nach Jerusalem bauen. Seine Familie bekam von den Briten das Hausrecht auf dem Tempelberg und außerdem lässt er auf dem Bergkamm, etwas weiter nördlich eine Supermoderne Villa für die Sommermonate erbauen. Sie bleibt unvollendet – der Rohbau kann heute in der Nähe des jüdischen Stadtteils Pisgat Zeev besichtigt werden. Die arabischen Dörfer um Ostjerusalem haben weder Strom noch fließend Wasser. Nur einmal im Jahr, am jüdischen Busstag dürfen einige Juden an der Klagemauer beten. Alle anderen können von einem Aussichtspunkt im jüdischen Stadtteil Talpiot aus auf den Tempelberg schauen.
1967    Israel hofft daß der jordanische König sich nicht am Krieg beteiligen wird. Er tut es aber doch. Innerhalb von zwei Stunden stehen jordanische Truppen in Jerusalem. Trotzdem kommt das Westjordanland in israelische Hand und damit auch Nord- Ost und Südjerusalem. Nach 19 Jahren ist die Stadt nun endlich wieder geeint ist soll sie nie mehr geteilt werden. Der Zugang zur Klagemauer der vorher hinter ärmlichen Schuppen verborgen war wird freigeräumt und das zerstörte jüdische Viertel in der Altstadt modern wiederaufgebaut.
1973    Yom Kippur Krieg; Israel ist trotz Vorwarnungen unvorbereitet und verliert diesen Krieg fast. Vielen Israelis wird klar daß man trotz des erfolgreichen 6-tage Krieges nicht unbesiegbar ist.
1974    Es gibt verschiedene Initiativen das Westjordanland zu besiedeln um die Sicherheitslage zu verbessern. Allen voran eine "Die Grüne Linie auslöschen" Aktion der nationalreligiösen Gush Emmunim Bewegung. In Jerusalem bildet sich ein Garin = Kern, eine Initiative die im Gebiet östlich von Jerusalem, an der Strasse runter zur strategisch wichtigen Jordansenke eine Siedlung gründen möchte um Jerusalem nach Osten hin zu schützen. Der Garin besteht aus einem breiten Spektrum von Aktivisten: Gush Emmunim, Angehörige der Likud Jugendorganisation und auch einige von der linken Mapai die aus einer Initiative zur Stadtteilerneuerung kommen. Dort wo die Aktivisten vom Militär aufgehalten werden beschließen sie auf dem naheliegenden Hügel die Siedlung zu gründen.
Die regierende Mapai Linksregierung beschließt dort ein Industriegebiet zu errichten und willigt ein daß Behausungen für die dort Arbeitenden errichtet werden. Das Gebiet ist zu der Zeit völlig unbesiedelt da es kein Wasser gibt.
1975    Der Garin errichtet im Frühjahr das erste Haus, es ist eine sogenannte Ashkubit, ein Gebäude aus Betonfertigteilen. Die Wasserleitung kommt vom Jerusalem (vom French Hill). Nach langen Diskussionen in der Regierung wird die Behausung durch das Militär geräumt.
Zum Unabhängigkeitstag wird das geräumte Haus in eine Synagoge umfunktioniert die rund um die Uhr bemannt ist. Hier finden Gebete und Familienfeiern statt und ihre Wochenenden verbringen die Familien hier.
Im Herbst kommen 23 Familien und 6 Unverheiratete in die auf einem 250 m ü.d.M. liegenden Hügel gelegene Siedlung um es zu ihrem ständigen Wohnort zu machen. Einer der Junggesellen, Uri Ariel, wird 38 Jahre später Wohnungsbauminister werden.
Während die Jahalin Beduinen vorher nur im Sommer von Jericho heraufkamen um ihre Schaf- und Ziegenherden hier zu weiden beginnen sie sich nun in der Gegend niederzulassen denn nun gibt es hier Wasser aus der Leitung. Das Verhältnis zu ihnen ist gut. Die 50 Kamele eines Scheichs sind eine Attraktion für die Kinder der Siedler.
1977    Die Wende kommt mit der erstmaligen Wahl einer Likudregierung unter Premierminister Begin. Die Regierung beschließt östlich von Jerusalem, an der strategisch wichtigen Straße runter zur Jordansenke eine Siedlung zu errichten, auch um Jerusalem nach Osten zu sichern.
1979    Die Siedlung neben dem Industriegebiet ist mittlerweile auf 50 Familien herangewachsen und auch eine Yeshiva, ein theologisches Seminar, finden sich auf dem Hügel. Als erste Siedlung in der Zone C erhält Maale Adumim den Status einer Gemeinde.
Im selben Jahr findet auch die Grundsteinlegung für die auf dem Reißbrett von einem Herrn Leitersdorf geplante, etwas weiter westlich, in Richtung Jerusalem liegende Siedlung, die, wie die Finger einer Hand, auf den Hügeln oberhalb der Straße nach Jericho liegen soll. Weil 200 Höhenmeter höher ist diese Lage, neben den Ausläufern Ostjerusalems, klimatisch günstiger.
Das 2014 mit Spenden aus den USA erbaute Konsevatorium, dahinter der Veranstaltungssaal mit 570 Plätzen der demnächst fertiggestellt wird. Im Hintergrund die 2005 eröffnete Bücherei mit 85.000 Titeln.
Links das im Jahr 2000 fertiggestellte Rathaus
1982    Die ersten Bewohner beziehen die fertiggestellten Wohnungen in der Siedlung. Erste Läden Kindergärten und Schulen werden eröffnet. Der Garin spaltet sich auf, da einige der Aktivisten nicht in einer Stadt, sondern in einer kleineren Siedlung leben möchten.
 1995    Die Siedlung hat nun über 20.000 Einwohner. Im Industriegebiet sind 90 Betriebe ansässig.

2010    Die Siedlung erreicht die 37.000 Einwohner Marke mit 8500 WE auf 6 Siedlungsteile verteilt.

 Seit 2011 wurden keine Grundstücke mehr in Maale verpachtet. Das kostet die Siedlungsverwaltung 10 Mill. IS im Jahr, wobei die Steuern nur 40% der Aufwendungen decken. Heute werden pro Jahr keine 100 WE in der Siedlung gebaut, dabei besteht ein Bedarf an Wohnungen für hier aufgewachsene die eine eigene Familie gründen.
Die Skyline von Maale Adumim. Links die Bücherei, dahinter der "alte" Siedlungskern, rechts davon das im Jahr 1999 eröffnete Einkaufszentrum, rechts daneben das Rathaus. Im Vordergrund das Gymnasium meiner Tochter mit Solarkollektoren auf dem Dach.

 

Demografische Eckdaten

In den Medien bekommen wir immer dasselbe Bild von etwas seltsam gekleideten, mit der Bibel fuchtelnden, Siedlern serviert. Mal hört man den Begriff Nationalreligiös, mal Ultraorthodox. Meist sind es amerikanische oder russische Juden die hier "natürlich" nichts zu suchen haben.
658.000 Israelis leben jenseits der Grünen Linie. Kann es wirklich sein daß die alle "aus einem Guss" sind?
Maale hat einen Anteil von 18% Nationalreligiösen und lediglich 1% Orthodoxe. Die meisten, nämlich 50% sind Traditionell Konservative. 31% sind Säkular.
Was sind Traditionell Konservative? Es sind Juden die den Samstag und die übrigen jüdischen Feiertage einhalten, an diesen Tagen in die Synagoge gehen, ohne dabei sämtliche 613 Gebote einzuhalten. Äußerlich sind sie von den Säkularen nicht zu unterscheiden denn diese beiden Bezeichnungen beschreiben eigentlich die Bandbreite der Juden die nicht zu den beiden vorgenannten Gruppierungen gehören.
Nur 2% der Bewohner sind in Nordamerika geboren und nur 11% in Osteuropa. Aus Südamerika kommt ein halbes Prozent, Westeuropa 1%, Asien 1%, Afrika 2%. Und die restlichen 82%? Die sind erstaunlicherweise alle in Israel geboren worden.
Wie wählen die "Maalatis"? In den letzten 5 Parlamentswahlen hat die Wahlbeteiligung zwischen 65 und 81% gelegen wobei der Durchschnitt um die 71% liegt.
Und welche Parteien werden gewählt? Die israelische Parteienlandschaft ist sehr dynamisch, Parteien kommen und gehen, schliessen sich zusammen und trennen sich wieder, daher ist es sinnvoller nach Richtungen aufzuteilen.
Hätten die ausländischen Medien mit ihren Schauergeschichten recht so müßten die Nationalreligiösen um die 105 % liegen. Bei den letzten Wahlen lagen sie bei knapp über 25%, davor schwankten sie zwischen 7 und 21%. Am besten fährt der konservative Likud, der normalerweise bei 30 - 40% liegt. In den beiden vorletzten Wahlen, als die Liebermanpartei separat ohne den Likud lief lag sie beidemale über 15%. Auch die Zentrumsparteien können sich nicht beklagen. Obwohl sie ständig wechseln kommen sie immer auf Ergebnisse die über 10% liegen. Shas, die Partei der religiösen Sefaradim liegt immer zwischen 7 und 10%. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei schafft die 5% Hürde kaum oder garnicht.

Bildung

In Israel stehen Kindern und Jugendlichen drei Bildungswege offen. Zum einen der Orthodoxe, der nach einer Art Grundausbildung zur Yeschiva, dem theologischen Seminar führt. Der Lehrplan ist sehr traditionell mit Schwerpunkt auf Erlernen der Bräuche. Englisch und Naturwissenschaften werden garnicht oder kaum gelehrt. Es gibt auch die säkulare Alternative mit den bekannten Lehrinhalten. Die dritte Alternative liegt dazwischen. Es ist die Nationalreligiös geprägte die die bekannten Lehrinhalte mit den religiösen verbindet. Die beiden letzteren Bildungswege führen zum Abitur.
50% des Siedlungsbudgets gehen in die Erziehung. Es gibt hier ein komplettes Bildungsangebot bis hin zum Abitur. Die Siedlung hat 7 säkulare Grundschulen mit 2650 Schülern, 5 Nationalreligiöse mit 1565 Schülern. 5 säkulare weiterführende Schulen mit 2500 Schülern und 4 nationalreligiöse weiterführende Schulen für 1350 Schüler. Insgesamt 78 Kindergärten mit 2000 Plätzen und 21 Schulen.

Die Schul- und Sportstättenachse der Siedlung
Maale Adumim liegt mit 89.2% an siebter Stelle was den Anteil der Jugendlichen angeht die den Wehrdienst antreten. Von den höher platzierten Städten liegt keine einzige jenseits der Grünen Linie.
Quelle: http://news.walla.co.il/item/2692876
9% der Erwachsenen haben bis zu 12 Schuljahre, 70% haben 12 Schuljahre und Abitur, 18% haben einen Abschluss der mit einem Vordiplom vergleichbar ist und 3% haben ein Diplom oder einen höheren Abschluss.
Wo arbeiten die "Maalatis"? 81% arbeiten in Jerusalem, 13% in Maale Adummim, und 6% woanders.

Mishor Adummim

So heißt das 15 QKm große Industriegebiet mit dessen Projektierung eigentlich alles anfing. Es ist eines der ersten bei dem die Verantwortung vom Industrieministerium der Siedlungsverwaltung übertragen wurde, das war 1998. Von den 15 QKm sind 11 QKm im Besitz von Gewerbebetrieben, 2,5 QKm stehen zur Vermarktung bereit und 2 QKm als Reserve für zukünftige Vermarktung. Damit hat dieses Industriegebiet die größten Gebietsreserven im Großraum Jerusalem.

Gesamtansicht auf Mishor Adumim
Rund 300 Gewerbebetriebe sind bereits hier ansässig, darunter Handel, Autowerkstätten, Nahrungsmittelbranche, Textilverarbeitung, Baustoffhandel, Aluminium- und Metallverarbeitung und Druckereien. Flächen können auch angemietet werden.
Der gesamte Industriepark gilt als Vorzugsförderungsgebiet, was bedeutet daß es günstige Anleihen und Steuererleichterungen für Investoren gibt. Die Gemeindesteuer liegt um fast 50% unter der für Gewerbebetriebe in der Heiligen Stadt nebenan.
2000 Palästinenser finden hier eine Beschäftigung. Die Siedlungsverwaltung beschäftigt desweiteren 70 Jahalin Beduinen in den Sektoren Gartenbau und Strassenreinigung.
Die Firma "Soda Stream" zog aus politischen Gründen in den Negev um, der auch als staatlich subventionierter Standort gilt. 500 Palästinenser, 450 arabische und 350 jüdische Israelis mußten sich daher einen neuen Arbeitsplatz suchen.


Montag, 14. Juli 2014

Gaza Karussell

  
Wenn mal wieder Raketen im Gazastreifen abgefeuert werden lässt der Iron Dome zwar praktisch nichts durch, aber bei jedem Alarm muß man doch sicherheitshalber in den nächstgelegenen Schutzraum. Man geht dann für 10 min. in den Schutzraum und schließt die Tür. Der Raum ist so geplant daß man geschützt ist sogar wenn eine Rakete ins Haus einschlägt, in unserem Fall fungiert er als Arbeitsraum. Ansonsten geht der Alltag, abgesehen von der Freizeitgestaltung, seinen gewohnten Gang. Hätte ich Angst würde ich es natürlich niemals zugeben denn genau daß will ja die Hamas, eigendlich bin ich aber eher stolz auf unseren Iron Dome.
 
Schaut man in die Medien um zu verstehen was vor sich geht, tragen die Bilder eher zur Verwirrung als zum Verständnis bei. Da heißt es einerseits daß die Hamas ganz Israel mit ihren Raketen beschießt, aber andererseits sieht man nur die Zerstörungen im Gazastreifen und die zahlreichen Toten und Verletzten dort. Genau daß ist das Ziel der Hamas. Netanjahu hat das wesentliche einst in einem Satz zusammengefasst: Israel schützt seine Zivilisten mit Raketen, Hamas schützt seine Raketen mit Zivilisten.
Den Israelischen Medien zufolge gibt es im Gazastreifen mehrere tausende Raketen die unter öffentlichen Gebäuden gelagert sind. Hamas und der Islamische Jihad schießen diese Raketen auf Israel, die jetzt das ganze Land abdecken können. Israel kann natürlich nicht tatenlos zusehen daß seine Bürger gefährdet werden, auch wenn der Iron Dome den Eindruck erweckt es würden lediglich Feuerwerkskörper abgeschossen. Hamas hat einige hundert M-75 Raketen. Dies ist eine Eigenentwicklung, die Zahl gibt die Reichweite an - also bis nach Tel Aviv und Jerusalem. Desweiteren hat man versucht mit Hilfe von langen Tunnels und mit Froschmännern vom Meer aus Israelis zu entführen, wie schon 2006 mit Gilad Shalit geschehen. Die Tunnels wurden entdeckt und gesprengt, die Froschmänner liquidiert.
Die IDF ist klug genug um zu wissen daß zu viele tote Palästinenser unser ohnehin angeschlagenes Image noch weiter verschlechtern würden. Daher wird versucht möglichst gezielt vorzugehen. Als Gegenmaßnahme bombardiert die israelische Luftwaffe die Stellen von denen die Raketen abgeschossen wurden, vermutete Lagerstätten von Raketen und Wohnhäuser von Hamas und Islamischer Jihad Aktivisten. In allen Fällen werden die Bewohner vorher per SMS aufgefordert das Gebäude zu verlassen und/oder es wird eine Rakete ohne Sprengkopf auf das Dach gefeuert. Die Aktivisten sitzen ohnehin in Bunkern die tief in den Sand gegraben sind. Man hört auch von den Pannen wenn das falsche Haus bombardiert wurde oder ein Heim für Geistig Behinderte die nicht in der Lage waren den Spielregeln entsprechend zu handeln.
 
Was sich abspielt ist ein Asymmetrischer Krieg. Eine ordentliche, gut ausgerüstete Armee geht gegen eine Terrororganisation vor. Letztere hat nur Offensivwaffen, nicht etwa weil die Mittel nicht reichen - wie sich gerade zeigt mangelt es nicht an Raketen -, sondern weil Zivilopfer Teil der Strategie sind. Und so werden Raketen in öffentlichen Gebäuden gelagert und von ihnen aus abgeschossen. Laut Kriegsrecht können Gebäude in denen Waffen lagern angegriffen und zerstört werden. Aber mit Bildern der Opfer lässt sich die Weltmeinung vorzüglich gegen Israel lenken. Wie sehr diese Taktik nicht mal im Interesse der Zivilbevölkerung in Gaza ist zeigt folgende Aussage: laut Militärkorrespondentin bei Reshet Bet - Israels populärstem Radiosender, treffen von all den hunderten abgeschossenen Raketen nur 2% wirklich etwas. Um 88% kümmert sich unser Iron Dome (der jetzt nochmehr Kaufinteressenten finden wird). Und die übrigen 10% der Raketen? Die fallen in den Gazastreifen - also mehr als auf Israel.
 
Die Hamas hat im Moment einen schweren Stand weil sie keine Unterstützung mehr aus Syrien und aus Ägypten mehr bekommt. Die ersteren bekämpfen jetzt Sunniten im eigenen Land und bei den letzteren sind die Moslembrüder nicht mehr an der Macht. Militärische Erfolge gegen Israel könnten das angeschlagene Image aufpolieren und so neue Finanzierungsquellen erschließen. Dazu muß man wissen daß die Hamas nicht nur eine Terrororganisation ist sondern wegen dem religiösen Hintergrund sich auch um Wohlfahrt kümmert. Ja, auch den Moslems ist Barmherzigkeit und Fürsorge ein Begriff. Hamas ist also auch Arbeitsamt, Krankenhaus, Kindergarten, Rentenversicherung... Die Frage ist allerdings ob die Religion und die daraus folgende Fürsorge echt ist oder ob sie nur benutzt wird um Anhänger um sich zu scharen. Die Hamas hat die Wahlen im Januar 2006 nicht nur gewonnen weil Palästinenser im Gazastreifen angriffslustiger sind als im Westjordanland, sondern weil die Beamten der PA von Abbas wohl ziemlich korrupt waren. Korrupt bedeutet hier aber nicht unbedingt daß jemand aus niederen Beweggründen in die eigene Tasche arbeitet. Da die Familienbande wesentlich weiter reichen als in Europa üblich, kann sich so mancher veranlasst sehen seine eigenen Leute zu bevorzugen. Im Juni 2007 brachte die Hamas den Gazastreifen dann gewaltsam unter ihre Kontrolle, mit ihrer Legitimität ist es also nicht so weit her.
 
Mit seinen Militäroperationen möchte Israel die Hamas derart schwächen daß sie sich davon nicht mehr erholt, auch soll eine ausreichende Abschreckung erzielt werden damit eine erneut vereinbarte Waffenruhe auch lange genug anhält. Stoppt man zu früh - die Hamas würde ihr Waffenarsenal wieder auffüllen und in ein paar Monaten wären wir wieder am Anfangspunkt. Wie gesagt, je mehr Zerstörung und Zivilopfer auf palästinensischer Seite zu beklagen sind desdo schlechter steht Israel vor der Weltöffentlichkeit da und desdo besser für die Hamas. Israelischen Medien zufolge sind ein Teil der veröffentlichten Bilder garnicht aus dem Gazastreifen sondern aus Syrien und aus dem Irak. Die Vermittlerrolle hat mittlerweile Ägypten übernommen.
 
Wäre es möglich eine konkurrierende Wohlfahrt zur Hamas einzurichten hätte man eine Chance die Hamas bis zur Bedeutungslosigkeit zu schwächen und so die Lage dauerhaft zu beruhigen. Man kann aber nicht von Israel verlangen sich um das Wohlergehen von 2 Millionen Gazastreiflern zu kümmern. UN Soldaten vielleicht, von irgendwoher, die die lokalen Eigenheiten nicht kennen und sich zurückziehen sobald es brenzlig wird, wie z.B. die aus Fiji und Österreich die die Grenze zwischen Israel und Syrien geräumt haben als es ungemütlich wurde? Nein danke. Für realistisch halte ich (unter Missachtung demokratischer Spielregeln) die Verwaltung durch die PA unter dem wachsamen Auge der Ägypter. Beides Araber, beide mögen die Islamisten nicht, beide haben gezeigt daß sie Abmachungen länger als eineinhalb Jahre einhalten können. Verantwortungsbewusste Araber die andere Araber dazu anhalten vernünftig zu handeln.

Donnerstag, 24. April 2014

Der internationale Gerichtshof zum Bau der Absperranlage


 
Oft und gerne wird von Israelkritikern auf das Urteil zum Bau der Absperranlage des Internationalen Strafgerichtshofes von Den Haag verwiesen. Ich habe mir die Mühe gemacht das Urteil durchzulesen. Es handelt sich aber garnicht um ein Urteil. Das Gericht wurde von der UN Generalversammlung gebeten ein Gutachten zu erstellen, nicht mal eine Empfehlung, die die Generalversammlung dann an den Sicherheitsrat weiterleiten könnte.
Erstmal geht es in dem Gutachten um die Zuständigkeit des Gerichts. Diese wird mit der Übernahme der Mandatsträgerschaft vom Völkerbund durch die UN begründet und in der Verabschiedung der Resolution 181, des Teilungsvorschlages von 1947. An anderer Stelle argumentiert das Gericht daß mit der Annahme jener Resolution das Mandat beendet wurde. Diese Resolution wurde jedoch von den Arabern abgelehnt und daher nie implementiert. Wenn nun das Mandat als beendet angesehen wird stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit des Gerichts, denn auf einen nicht ausgeführten Vorschlag kann man sich nicht stützen.
Danach legt das Gericht fest worüber es eigendlich richten soll:"... considers that it is not called upon to examine the legal consequences arising from the construction of those parts of the wall which are on the territory of Israel itself." Es geht also nur um die Teile der Absperranlage die jenseits der Grünen Linie gebaut wurden und nicht um die Absperranlage als solches. Die so entstehende Fläche macht etwa 8,5% oder 480 QKm aus.
Das Gericht erklärt daß es als Bezeichnung wall = Mauer und nicht fence = Zaun oder barrier = Barriere gewählt hat weil diese nicht genauer sind. Ich halte Barriere oder im Deutschen Absperranlage für korrekter da es sich nicht überall um eine Mauer handelt sondern es auch Abschnitte gibt die aus einem Zaun bestehen.
Nun stellt sich die Frage welchen Status das Gebiet jenseits der Grünen Linie hat.
In einer kurzen historischen Analyse ist von einem Palästina die Rede welches Teil des Ottomanischen Reiches war. Das Palästina der Neuzeit entstand aber erst als Briten und Franzosen das Territorium des ehemaligen Ottomanischen Reiches unter sich aufteilten und dabei auch Libanon, Syrien den Irak und Jordanien erschufen. So stellt sich die Frage ob sich die damaligen Bewohner als Palästinenser oder nicht einfach als Araber verstanden. Anstatt den Namen Palästina zu verwenden sollte hier korrekterweise West Bank verwendet werden, denn als Palästina wurde das gesamte Mandatsgebiet ( heute Israel, Gaza Streifen, Westjordanland und Jordanien) bezeichnet. An anderer Stelle wird gar der Ausdruck Occupied Palestinian Territory benutzt.
Man kommt dann auf den Unabhängigkeitskrieg, die zwischen Jordanien und Israel vereinbarte Grüne Linie und den 6-tage Krieg zu sprechen. Das Gericht erinnert an die Resolution 2625 derzufolge: “No territorial acquisition resulting from the threat or use of force shall be recognized as legal.”
Israel wies darauf hin daß dies auch auf die Okkupation des Westjordanlandes 1948 durch Jordanien zutrifft. Ob es sich um besetztes Jordanisches, oder um noch nicht verteiltes, umstrittenes Mandatsgebiet handelt wirkt sich auf die Gültigkeit der 4ten Genfer Konvention aus.
Laut Artikel 2 dieser Konvention bezieht sie sich auf "occupation of the territory of a High Contracting Party" was in diesem Fall anfechtbar wäre. Das Gericht verweist aber auf den ersten Absatz wo folgendes steht: "... the present Convention shall apply to all cases of declared war or of any other armed conflict which may arise between two or more of the High Contracting Parties ..."
Die Intention dieser Konvention ist es Spielregeln für den Umgang mit Zivilpersonen festzulegen die unter einer Besatzungsmacht leben und das ist gut so. Dabei hat man sich bemüht zwischen den Interessen beider Seiten abzuwägen.
Israel rechtfertigt den Bau der Absperranlage mit dem Recht auf Selbstverteidigung laut Artikel 51 der UN Charta. Das Gericht dazu: "...the Court notes, recognizes the existence of an inherent right of self-defence in the case of armed attack by one State against another State. However, Israel does not claim that the attacks against it are imputable to a foreign State. The Court also notes that Israel exercises control in the Occupied Palestinian Territory and that, as Israel itself states, the threat which it regards as justifying the construction of the wall originates within, and not outside, that territory."
In Artikel 51 wird das Recht auf Selbstverteidigung aber nicht auf den klassischen Fall eines Krieges zwischen zwei Staaten begrenzt. Ausserdem bezieht sich diese Aussage auf die Existenz der gesamten Absperranlage und darum geht es ja in diesem Gutachten nicht. Daß trifft auch für den kurz darauf folgenden Satz zu: "Israel cannot rely on a right of self-defence or on a state of necessity in order to preclude the wrongfulness of the construction of the wall."
Wenn es um die 4te Genfer Konvention geht spielt es also für das Gericht keine Rolle ob Staat oder nicht, wenn es um das Recht auf Selbstverteidigung geht, dann doch.
Israel hat unter anderem eine Konvention zum Zivilrecht unterzeichnet.
Es wird auf Artikel 12, Absatz 1 dieser Konvention hingewiesen die Bewegungsfreiheit garantieren soll. Einige Absätze vorher wird aber darauf hingewiesen daß es fraglich ist ob diese Konvention auch für das Westjordanland gelten kann.
Unter anderem wird daß Vorhandensein der Absperranlage mit der Behauptung eines erschwerten Zugangs zu Wasser in Verbindung gebracht. Dies wäre aber nur relevant wenn auf dem Gebiet zwischen Grüner Linie und Absperranlage Brunnenbohrungen existieren würden zu denen Palästinenser keinen Zugang haben. Dazu ist zu sagen daß die Palästinenser Heute schon mehr Wasser bekommen als im Endstadium der Osloer Verträge vorgesehen war. Siehe dazu meinen Beitrag zum Thema Wasserverteilung.
Auch der freie Zugang zu den Heiligen Stätten wird angesprochen, doch wieder stellt sich die Frage nach der Relevanz. Es bestehen wohl Zugangsbeschränkungen für Palästinenser zum Tempelberg die mit dem Erhalt von Ruhe und Ordnung begründet werden, doch hat auch dies nichts mit der Absperranlage zu tun.
Ganz ohne Kritik an Israel kann es bei diesem Thema nicht zugehen. Es hat dem Gericht versichert daß der Bau der Absperranlage nicht als Annektion verstanden werden soll und nur eine temporäre Maßnahme darstellt. Mit ihrem Bau wurde 2002 begonnen. Es ist schwer nachvollziehbar daß man soviel Zeit in eine, von vorneherein temporäre Maßnahme, zu investieren bereit ist.
Nun zu den beiden, meiner Meinung nach, doch relevanten Elementen.
Das ist zum einen der Verweis auf das in der Charta der Vereinten Nationen verankerte Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Hier stellt sich die Frage wer oder wie festgelegt werden soll wer ein Volk ist. Sind Palästinensische Beduinen Palästinensischen Fellachen ähnlicher als Jordanischen Beduinen? Müßte Belgien dann nicht zerfallen, was macht man dann mit der Provinz Quebec und den Russen in der Ukraine? Ich finde es ausreichend wenn man in den Palästinensern eine Schicksalsgemeinschaft sieht deren Interessen man nicht ignorieren kann wenn man gerecht sein will.
Absatz 6 des Artikels 49 der 4ten Genfer Konvention ist relevant, denn er bezieht sich auf den Transfer eigener Bevölkerung in besetztes Gebiet. In dem Absatz werden die Worte "deport or transfer" benutzt. Dies ist hier aber nicht der Fall, da all jene Israelis die kommen es freiwillig tun. Und dies ist der Kern des Problems: laut Resolution 242 soll der Grenzverlauf durch Verhandlungen festgelegt werden. Dies passiert aber nicht mit dem ehemaligen Kriegsgegner Jordanien, sondern mit einer sich bildenden Vertretung der Palästinenser. Von 1967 bis 1993, der Unterzeichnung der Osloer Verträge, gab es keinen Verhandlungspartner. Es ist unrealistisch zu erwarten daß die eine Seite 26 Jahre und länger regungslos wartet bis die andere Seite verhandlungsbereit ist. In der Zwischenzeit haben sich in der Nähe der beiden Ballungsräume Tel Aviv und Jerusalem Jüdische Ortschaften und Stadtteile von Jerusalem gebildet. In Jerusalem ging es darum eine Jüdische Dominanz in der Stadt wiederherzustellen, eine erneute Teilung der Stadt zu verunmöglichen und sie nach Osten hin abzusichern - was vorher nicht der Fall war. Nun wird die Absperranlage so angelegt daß sie möglichst viele dieser zwischenzeitlich entstandenen Ortschaften und Stadtteile umschließen soll. Man kann den konkreten Verlauf der Absperranlage durchaus kritisieren, wenn sie Palästinensische Bauern von ihren Feldern trennt und es mit dem Internationalen Recht nicht so genau nimmt, man darf dabei aber die Vorgeschichte und die Realitäten nicht vergessen.
 

Montag, 10. März 2014

 

Zum Thema Wasser (Ver.1.1)

 
In diesem Beitrag verwende ich zwei Einheiten. Zum einen MKM für Millionen Kubikmeter und LPT für Liter pro Person und Tag. Zum besseren Verständnis habe ich die Angaben in den verwendeten Quellen jeweils in diesen beiden Einheiten und Euro angegeben.
Der Winterregen speist drei wasserführende Erdschichten, „Aquifer“ genannt. Der See Genezareth der etwa 10 bis 15% des Trinkwasserbedarfs deckt, wird durch Flüsse aus Israel, dem Libanon, Syrien und Jordanien gefüllt. Israel bereitet 90% des Grauwassers wieder auf, welches in separaten Rohren der Landwirtschaft zwecks Bewässerung zugeführt wird. Zusammen mit neuen Entsalzungsanlagen gibt dies vorsichtigem Optimismus Nahrung. Vorsichtig weil wir es auch mit einem Bevölkerungswachstum von zwischen 1,5 und 2% zu tun haben und weil der Wasserverbrauch mit steigendem Lebensstandard ebenfalls steigt.
 

Vorwurf: Wasser wird ungleich verteilt

Es mangelt im Internet nicht an Quellen die es nicht gut mit Israel meinen und diesen Vorwurf erheben. Ich beziehe mich hier auf die Aussagen der Israelischen Menschenrechtsorganisation B´Tselem die sich durch recht genaue Zahlenangaben hervortut, diese aber nutzt um eigene Positionen zu untermauern.
In einem Beitrag zur Diskriminierung bei der Wasserzuteilung heißt es:
"According to the Israeli national water company, Mekorot, the average household water consumption in Israel is between 100 and 230 LPT. ...average consumption among Palestinians connected to a running-water network is about 73 LPT." Dies deckt sich so ziemlich mit den Angaben der FoEME = Friends of the Earth Middle East, eine NGO die sich mit dem Umweltschutz befasst. Gemäß deren Berechnungen lag der Wasserkonsum 2011 in Israel bei 250 LPT (offenbar ist das aufbereitete Wasser für die Landwirtschaft miteingerechnet). Bei den Palästinensern im Westjordanland lag der Verbrauch demnach bei 70 LPT (nach Abzug von 30% Verlusten).
Nach Angaben der PA (Palestinian Authority) aus demselben Jahr liegt der durchschnittliche Verbrauch in den Städten in der Zone A bei 103 LPT, was einem Gesamtvolumen von 37,6 Millionen Kubikmetern entspricht. Wenn ich auf meine Wasserrechnung schaue, lag ich vom September 2012 bis Oktober 2013 bei einem Durchschnitt von 89 LPT.
B´Tselem dazu:
"There are significant gaps between the various cities (169 liters per person per day in Jericho compared to 38 in Jenin)." Daß es Ortsabhängige Unterschiede im zu Verfügung stehenden Wasser gibt ist plausibel, in einem B´Tselem Beitrag zur Lage im Jordantal wird allerdings darauf hingewiesen daß gerade Jericho die geringste Anbaufläche hat. In der Stadt mit dem höchsten LPT Aufkommen wird demnach also am wenigsten angebaut.
"Palestinians in the West Bank not connected to the water supply network: About 113,000 people living in 70 communities, 50,000 of them in Area C. They are not included in the calculations of the public water authority. They rely on rainwater which they store in cisterns and on water sold in tanker trucks by private dealers. In the southern West Bank, about 42 communities consume less than 60 LPT and shepherding communities in the northern Jordan Valley consume only 20 LPT. Private dealers charge between 5 and 8 Euro per cubic meter, depending on the distance between the village and the water source. The price is up to three times that of the highest tariff Israelis pay for water for household consumption. In the summer months, the monthly household expenditure on water in communities that buy water from tankers is between 260 and 420 Euro, about half of the entire monthly household expenditure."
Was den Tarif für Israelis angeht kann ich diese Angabe bestätigen. Verbraucht man pro Monat bis zu 12 Kubikmeter zahlt man umgerechnet 1,57 Euro pro KM, darüber wird es fast doppelt so teuer, nämlich 2,71 Euro pro KM. Doch für diese scheinbare Ungerechtigkeit gibt es eine sehr einfache Erklärung: diese Shepherding communities sind Beduinen die irgendwo auf das Land verteilt leben. Die Wahl des Wohnortes mag für die Schaf und Ziegenaufzucht sinnvoll sein, macht aber die Verlegung von Wasserrohren zum Verbraucher völlig unrentabel.
Wenn man nun unterstellt daß 50.000 Palästinenser nicht ans Wasserversorgungsnetz angeschlossen sind weil sie in Zone C wohnen, wo sie von Israelis schikaniert werden können, erklärt daß noch immer nicht die Lage der übrigen 63.000. Denn im Osloer Abkommen (Artikel 40 in Annex III) heißt es wie folgt:
"4. The Israeli side shall transfer to the Palestinian side, and the Palestinian side shall assume, powers and responsibilities in the sphere of water and sewage in the West Bank related solely to Palestinians, that are currently held by the military government and its Civil Administration, ..." Demnach ist die PA also für den Anschluss der Palästinenser in den Zonen A und B zuständig.
 

Brunnenbohrungen

B´Tselem: "About 51 MKM of the water in the public water network was used for agriculture. According to the Israeli water authority (2009), an additional 10 MKM of water are pumped from unauthorized wells, used for agriculture as well as drinking." In einem Beitrag im Israelnetz ist hier von 300 Bohrungen und 17 MKM die Rede.
Von B´Tselem wird bemängelt daß aus einigen Palästinensischen Bohrungen kein Wasser mehr gepumpt werden kann - aber nicht gesagt ob es sich um die genehmigten oder eben jene ungenehmigten Bohrungen handelt.
Der Israelischen Botschaft zufolge arbeitet Israel am Ausbau von 136 Brunnen im Westjordanland. In einer ersten Phase wurden bereits 54 Brunnen genehmigt.
B´Tselem:
"Palestinians in the Gaza Strip: Average consumption in the Gaza Strip is 70-90 LPT, but the quality of the water is extremely poor." Im "Israelnetz" heißt es dazu: "Im Gazastreifen hat illegales Abpumpen des Grundwassers zu einer humanitären Katastrophe geführt. Weil dem Aquifer zu viel Süßwasser entnommen worden ist, floss salziges Mittelmeerwasser nach und zerstörte das Süßwasser. Israel liefert das Trinkwasser für die 1,2 Mill. (Stand 2020: 2 Mill.)
Bewohner des Gazastreifens."
 

Vorwurf: Notwendige Infrastrukturmaßnahmen werden verhindert

B´Tselem: "According to Palestinian water authority figures, more than 2.3 Mill. Palestinians live in the West Bank. This means that under optimal conditions, the water supply (excluding the unauthorized wells) could have allowed domestic and urban consumption of 100 LPT (stimmt), but this is where the second factor affecting water consumption comes into play.
Water loss: There is extensive water loss on the public water grid in the West Bank - about 30%, and more in some locations." In Zone A und B sind die Palästinenser selbst dafür verantwortlich.
"Water theft is also a widespread problem." Auch ein innerpalästinensisches Problem.
Der Studie des Hydrologen Prof. Haim Gvirtzman von der Hebräischen Universität zufolge wäre es möglich in den Palästinensischen Autonomiegebieten durch Wasserrecycling und zeitgemäße landwirtschaftliche Bewässerungsmethoden um ein Drittel weniger Wasser zu verbrauchen. Israel hat angeboten, die Palästinenser mit entsalztem Wasser zu versorgen, doch wird diese Möglichkeit aus politischen Erwägungen heraus, systematisch abgelehnt.
Auch verweigern die Palästinenser bisher die Verwendung aufbereiteten Grauwassers aus Israel.

"The Palestinian water network is managed by dozens of local water authorities without a coordinating mechanism. The inability to develop a nationally controlled water network, with reservoirs that could supply the needs of all residents is inextricably tied to the fact that every action in Area C requires Israeli approval." Kann es nicht sein daß die Palästinenser die Organisation nicht auf die Reihe kriegen, oder kriegen wollen?
Eine direkte Bezugnahme auf Wiederaufbereitung und Klärung findet sich in den Beiträgen nicht. Wohl aber in folgender Aussage der Israelischen Botschaft:
"Im Gegensatz zu Israel erfüllt die PA in mehreren Aspekten des Abkommens nicht ihre Verpflichtungen in Hinsicht auf wichtige Fragen wie das illegale Bohren und den Umgang mit der Klärung von Abwasser und der Aufbereitung für die Landwirtschaft. Die dadurch bedingte Verschmutzung des Grundwassers schadet beiden Seiten erheblich."
Im Oslo-Abkommen wurde daran gedacht und folgendes vereinbart:
"3. While respecting each side's powers and responsibilities in the sphere of water and sewage in their respective areas, both sides agree to coordinate the management of water and sewage resources and systems in the West Bank during the interim period, in accordance with the following principles:
e. Taking all necessary measures to prevent any harm to water resources, including those utilized by the other side.
f. Treating, reusing or properly disposing of all domestic, urban, industrial, and agricultural sewage.
g. Existing water and sewage systems shall be operated, maintained and developed in a coordinated manner, as set out in this Article."
Laut Israelnetz werden 95% der 56 MKM Abwasser, die in den Palästinensischen Autonomiegebieten produziert werden, nicht geklärt. Im Westjordanland wurde in den letzten 15 Jahren nur eine einzige Kläranlage gebaut, obwohl dafür internationale Gelder zur Verfügung stehen.
"Sie lassen ihr Abwasser in die Natur ab, obgleich Deutschland Millionenbeträge für den Bau einer Kläranlage etwa bei Bethlehem bereitgestellt hat. Die Kläranlage müsste östlich von Bethlehem in israelisch-kontrolliertem Gebiet stehen. Nach palästinensischer Vorstellung käme das einer „Anerkennung“ der israelischen Besatzung gleich. Das Ablassen von Schmutzwasser in die Natur führt zu einer unumkehrbaren Grundwasserverseuchung." heißt es dazu im Beitrag im Israelnetz.
 

Zahlenspielereien

Laut B´Tselem befinden sich 42 israelische Bohrungen im Westjordanland, 28 davon im Jordantal. Diese Bohrungen (alle oder nur die im Jordantal?) versorgen die örtliche Israelische Bevölkerung mit 32 MKM pro Jahr, zusammen mit Jordanwasser und aufbereitetem Brauchwasser stehen insgesamt 45 MKM pro Jahr zur Verfügung. Dies ist ein Drittel der Wassermenge die den etwa 2.5 Mill. Palästinensern zur Verfügung steht. Eine Unverschämtheit? B´Tselem behauptet daß die in den Osloer Verträgen vorgesehene Erhöhung der Wasserzuteilung für die Palästinenser nie ausgeführt wurde. In einem anderen Beitrag stehen konkrete Zahlen: "The amount of water supplied to the entire West Bank: According to 2011 figures, the West Bank water supply was comprised of 87 MKM pumped from official Palestinian water sources and 53 MKM sold to the Palestinian Authority by Mekorot."
Im Osloer Abkommen (Artikel 40 in Annex III) findet sich dazu folgendes:
"6. Both sides have agreed that the future needs of the Palestinians in the West Bank are estimated to be between 70 - 80 mcm/year.
7. In this framework, and in order to meet the immediate needs of the Palestinians in fresh water for domestic use, both sides recognize the necessity to make available to the Palestinians during the interim period a total quantity of 28.6 mcm/year
(6) The remainder of the estimated quantity of the Palestinian needs mentioned in paragraph 6 above, over the quantities mentioned in this paragraph (41.4 - 51.4 MKM/year), shall be developed by the Palestinians from the Eastern Aquifer and other agreed sources in the West Bank. The Palestinians will have the right to utilize this amount for their needs (domestic and agricultural)."
Der PA werden also 53 MKM pro Jahr von Israel zur Verfügung gestellt und nicht die in den Oslo-Verträgen vorgesehenen 28,6 MKM. Anstatt wie vorgesehen 51,4 MKM pro Jahr abzupumpen sind es 87 MKM. Dies ist sogar schon mehr als die unter Punkt 6 des Annex anvisierten 70 - 80 MKM für die Zukunft. Laut Internetseite der Israelischen Botschaft werden die 53 MKM von Mekorot mit dem reinen Herstellungspreis von 2,6 Millionen Schekel berechnet (1,26 Millionen Schekel unter dem Wasserpreis für israelische Einrichtungen). Im Klartext: Israel bezuschusst die Wasserversorgung der PA obendrein mit etwa 13,7 Millionen Euro jährlich. Im Sommer 2013 erhöhte Israel die Wasserversorgung der PA noch um 11.000 Kubikmeter täglich (etwa 4 MKM jährlich).
Trotzdem sind letztendlich wieder wir Israelis schuld. Wie, sieht man wieder bei B´Tselem:
"The water infrastructure in the Palestinian Authority needs upgrading, but this is not possible without significant work in Area C, where every action requires Israeli approval at the joint water committee. Such approvals are rare. Even committee-approved projects may be delayed or stopped, due to restrictions imposed by the Civil Administration." Wenn Israel Wasser an die PA zum Selbstkostenpreis verkauft statt mit Gewinn an Israelische Verbraucher, warum sollte man da kein interesse an einer Verbesserung Palästinensischer Effizienz haben?

Verwendete Quellen:

Zur Wasserverteilung: http://www.btselem.org/press_releases/20140212_discrimination_in_water_allocation
Zum Jordantal: http://www.btselem.org/sites/default/files/201105_dispossession_and_exploitation_eng.pdf
http://www.btselem.org/publications/summaries/dispossession-and-exploitation-israels-policy-jordan-valley-northern-dead-sea
Osloer Verträge: http://mfa.gov.il/MFA/ForeignPolicy/Peace/Guide/Pages/THE%20ISRAELI-PALESTINIAN%20INTERIM%20AGREEMENT%20-%20Annex%20III.aspx#app-40
Israelnetz: http://www.israelnetz.com/hintergrund/detailansicht/aktuell/der-wasserkrieg-in-nahost/#.UwKA4GfNupo
Statement der Israelischen Botschaft zu dem Thema: http://www.botschaftisrael.de/2014/02/13/aus-aktuellem-anlass-erlaeuterungen-zur-wasserfrage-im-nahostkonflikt/
 Die Gvirtzman Studie: http://besacenter.org/mideast-security-and-policy-studies/the-israeli-palestinian-water-conflict-an-israeli-perspective-3-2/



Donnerstag, 16. Januar 2014

Zum Thema Apartheid


Gerne wird in jüngster Zeit im verbalen Schlagabtausch zum Israelisch-Palästinensischen Konflikt die Apartheidskeule gezückt, wohl um Israel als kolonialistisch-rassistisches Projekt darzustellen. Es zeugt aber lediglich von der böswilligen Absicht die jüdische Präsenz im Land zu delegitimieren, gepaart mit Unwissen.
Zum Kolonialismus: Kolonialisten kaufen keine Ländereien, Kolonialisten bauen nicht auf sondern beuten aus, Kolonialisten würden nie behaupten daß dies ihr einziges Land ist und Kolonialisten können auch nicht auf eine Religiöse Bindung zum Land (Klagemauer, Grab der Patri- und Matriarchen in Hebron) verweisen.
Im Unterschied zu den Buren in Südafrika und Kolonien überhaupt gab es in Safed, Tiberias, Jerusalem und Hebron immer Jüdische Gemeinden.
Hebron weil sich dort die Gräber der Vorväter und Vormütter befinden und Jerusalem nicht nur wegen der Klagemauer sondern auch weil sich am Abhang des Ölberges der bedeutendste und sehr große jüdische Friedhof befindet. Die Siedlungen in der Westbank befinden sich meist nicht irgendwo sondern dort wo sich Gräber bedeutender Vorväter befinden. Ithamar in Samaria heißt so weil im daneben liegenden Palästinensischen Dorf Awarta der Überlieferung zufolge das Grab von Ithamar ben Aharon haCohen, Sohn Aharons (der im Alten Testament) befinden soll.
Seit Ende des 19ten Jahrhunderts kam infolge von Pogromen in Osteuropa jüdisches Kapital für einen Aufbau ins Land. Die im Land lebenden Araber haben davon profitiert. Siehe dazu den Peel Commission Report – Engländer die das Land 1937 inspiziert haben und deren Erkenntnisse immer noch treffend sind. Quelle:
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/History/peel1.html  Kapitel 5, vierter Absatz.
Was den Rassismusvorwurf angeht lohnt es sich in den dritten Teil der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel reinzuschauen:
"Der Staat Israel wird der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil offenstehen. Er wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten, die Heiligen Stätten unter seinen Schutz nehmen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben."
"Wir wenden uns – selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind – an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen."
"Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf."
Ein Sammelpunkt für die eigenen Leute der aber den bereits im Land befindlichen anderen Gleichberechtigung gewähren will ist nicht gerade ein Kennzeichen von Rassismus. Die Realisierung wirft freilich Probleme auf, die aber eher im Verhältnis von Mehrheiten zu Minderheiten zu suchen sind - so wie oft anderswo auch.
Zur Apartheid:
Südafrika hat mit einer Fläche von 1,219,090 QKm und einer Bevölkerung von über 48 Millionen eine Dichte von 40 Menschen pro QKm. Israel und das Westjordanland haben zusammen eine Fläche von 26,630 QKm und eine Bevölkerung von über 10 Millionen. Damit kommt man auf eine Dichte von 390 Menschen pro QKm. Würde man obendrein noch die knapp 6 Millionen Enkel der Vertriebenem Palästinenser aus der Diaspora zurückkehren lassen käme man sogar auf 610 Menschen pro QKm. Wenn man berücksichtigt daß 60% Israels Negevwüste sind in der nur 10% der Bevölkerung leben, können es sogar auf 678 Menschen pro QKm werden.
Auf einer Fläche die knapp 46 mal kleiner ist als die von Südafrika soll also Sicherheit, Ruhe und Ordnung in einem 10 bis 17 mal dichter besiedelten Gebiet sichergestellt werden.
Man kann sich über die den Palästinensern auferlegten Restriktionen streiten, nicht aber darüber daß der Mangel an Fläche besondere Anforderungen stellt die mit der Situation im Südafrika der jüngeren Vergangenheit nicht vergleichbar sind.
In diesem Beitrag in der Wikipedia wird das Thema ausgebreitet und vertieft: http://en.wikipedia.org/wiki/Israel_and_the_apartheid_analogy
Der wesentliche Unterschied zwischen Weißen die sich in Südafrika ansiedeln und Juden die von überallher nach Israel kommen liegt tiefer - in der Intention. Während erstere ein besseres Leben an einem Ort suchten der dazu Gelegenheit bot, waren die Zionisten die ins Land kamen um es zu verändern auch bestrebt sich selber zu verändern. Es war nicht nur die Schaffung einer Heimstatt für das Jüdische Volk, sondern auch die Schaffung eines neuen Menschen. Aus dem bleichen Ghettojuden der ein armseliges Handwerk ausübt, der vom Wohlwollen seiner Umgebung, seiner Gastgeber abhängig ist sollte ein selbstständiger, unabhängiger Mensch werden der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt indem er etwas aufbaut.

Donnerstag, 28. November 2013

Zum Thema Beschneidung


Was habe ich damit zu tun?

Die Diskussion um dieses Thema leidet an einem fürchterlichen Wissensdefizit. Als aufgeklärt erzogener Jude möchte ich meinen Beitrag dazu leisten dieses Defizit zu reduzieren damit die Diskussion halbwegs vernünftig geführt werden kann.
 

Worum geht es hier?

Ein Kölner Gericht urteilte, daß ein muslimischer Arzt, der einen vier Jahre alten Jungen auf Wunsch seiner Eltern beschnitten hatte, eine Körperverletzung beging. Das Urteil vom Juni 2012 stellte das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit über dem Recht der Eltern und der Freiheit der Religionsausübung. Der Arzt wurde freigesprochen weil er nicht wissen konnte daß dies verboten war. Danach könne aber kein Arzt dies mehr behaupten.
Die ehemalige Kinderschutzbeauftragte des Bundestages beantragte daraufhin die Beschneidung zu verbieten. Dies wurde jedoch durch das sogenannte Beschneidungsgesetz vom Dezember 2012 verhindert. Ende der Geschichte? Nein, denn dieselbe Frau hat als erste "Generalberichterstatterin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates für Belange der Kinder" der EU einen Bericht vorgelegt und die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat daraufhin ein Dokument vorgelegt in dem die Beschneidung zusammen mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen = FGM als Grund "besonderer Besorgnis" bezeichnet. Die Mitgliedsstaaten des Europarates sollten deshalb das Bewusstsein für Risiken solcher Praktiken fördern und das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen.

Sind Beschneidung und FGM vergleichbar?

Unter http://en.wikipedia.org/wiki/FGM#Reasons finden sich folgende Erklärungen für FGM: die Verhinderung von vorehelichem Geschlechtsverkehr und/oder die Reduzierung der weiblichen Lust damit es dem Mann leichter fällt mehrere Frauen zu haben. Bei den Dogon in Mali steht anscheinend feucht für weiblich und trocken für männlich, daher wird das jeweils andersartige weggeschnitten. Schon bei den alten Ägyptern findet sich dieses Vorgehen.
FGM fügt den Mädchen unbestritten einen anhaltenden Schaden zu und bringt auch keinerlei medizinische Vorteile. Die Beschneidung hingegen fügt keinen anhaltenden Schaden zu und galt bis zum Ausbruch der Beschneidungsdebatte sogar als medizinisch vorteilhaft - siehe http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-11/weltaidstag
Dieser Quelle zufolge: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidung-eine-dauerhafte-und-irreparable-veraenderung-11799975.html hat man auch eine Moorleiche in Norddeutschland gefunden die Beschnitten war.

Warum wird so sehr aufs Judentum fokussiert (und nicht auch auf den Islam)?

Mohammed zählt die Beschneidung als eine der Weisungen für die fitrah auf. Die befolgung der fitrah soll dem Gläubigen Anerkennung und Würde verleihen. Im Koran steht: "Folge dem Glauben Ibrahims, dem Aufrechten im Glauben." (16:123) Aussagen zum Glauben Ibrahims oder auch Abrahams finden wir in der Torah, so auch explizit die Weisung zu Beschneiden. In Mose 1,Kapitel 17 ab Vers 9 wird Abraham vom Herrn mit der Ausführung beauftragt.
Eigene Übersetzung:
9:" Und der Herr sagte zu Abraham: bewahre meinen Bund, du und der Same der nach dir kommt für alle Generationen. 10 Dies ist mein Bund den ihr wahren sollt zwischen mir und euch und eurem Samen der nach euch kommt. 11 Beschneiden sollt ihr euch jeden männlichen (Nachkommen). 12 Beschneidet das Fleisch der Vorhaut und es soll werden zum Zeichen eines Bundes zwischen mir und euch. 13 Und acht Tage alt beschneidet euch jeden der männlich ist für alle Generationen, den im Haus geborenen und den für Geld erworbenen von jedwedem Fremden der nicht von deinem Samen ist. Beschneide den in deinem Haus geborenen und den für Geld erworbenen und es ward mein Bund in eurem Fleische zu einem Bund solange die Welt besteht. 14 Der männliche welcher nicht das Fleisch seiner Vorhaut wird beschneiden, herausgerissen (ist) jene Seele aus seinem Volke, gegen meinen Bund hat sie verstossen."
Dieses Gebot wird schon im ersten der Fünf Bücher Mose ausgesprochen, noch vor den 10 Geboten.

Brauch, Tradition oder was?

Beschneidungsgegner tun die Beschneidung als archaisch/primitive Tradition ab. Ein Brauch, eine Tradition ist etwas was sich in Folge der Auslegung der Schriften etabliert hat und geändert werden könnte wenn man nur bereit wäre die Schriften anders auszulegen. Da die Beschneidung aber in der Torah direkt angesprochen wird, ist sie nicht Tradition oder Brauch sondern ein Gebot des Jüdischen Glaubens und indirekt auch des Islam.

Man kann die Jüdische Religion mit einer Zwiebel vergleichen. Innen ist die Torah (5 Bücher Mose) Neviim (Propheten) und Ketuvim (Schriften). Darüber legen sich die älteren und jüngeren Auslegungen und darüber kommen die Auslegungen der zeitgenössischen Rabbiner. Über die Auslegungen kann man sich streiten da es Menschenwerk ist und die können sich ändern wenn es die äußeren Umstände erfordern. Die Tora selber allerdings wird als ein von Moses geschriebenes Buch angesehen. Also auch Menschenwerk? Nein denn dies wird als von G-tt diktiertes Werk angesehen welches nicht angetastet werden soll. "Nicht hinzufügen zu dem welches ich euch auftrage und nicht abziehen von ihm sollt ihr, bewahret die Gebote G-ttes, eures Herrn die ich euch auftrage." so steht es in der Tora selbst - Mose 5, Kapitel 4, Satz 2.

Man könnte demnach fordern daß die Eltern über ihr Handeln aufgeklärt werden, man kann sogar fordern daß der Vorgang selber von medizinisch geschultem Personal vorgenommen wird ohne mit dem Gebot selbst in Konflikt zu kommen.
 

Pro und Kontra Beschneidung

Pro:
Man braucht kein Doktor zu sein um sich denken zu können daß Hautfalten ein vorzüglicher Aufenthaltsort für Bakterien/Krankheitskeime sind.

- Es kann sein daß nachdem durch die Wehen/Schmerzen der Mutter bei der Geburt des Kindes eine gefühlsmäßige Bindung entsteht, mit der Beschneidung ähnliches beim Vater erreicht werden soll. Der Schmerz des Kindes festigt die Bindung zum mitfühlenden Vater. - Es kann sein daß Identität und Zugehörigkeit frühestmöglich festgelegt werden sollen. - Es kann sein daß genau da wo der Samen aus dem Körper des Mannes in den der Frau übergeht und so den Fortbestand des Volkes sichert, der junge Mann daran erinnert werden soll zu welchem Lager er gehört. Wenn man bedenkt daß bei Abrahams Nachbarn Menschenopfer en vogue waren, sieht die Anweisung des Herrn schon sinnvoll aus. Es ist eine Grundaussage des Glaubens daß wir uns sichtbar von den anderen unterscheiden wollen. Das wäre letztendlich Endogamie, also der Versuch sicherzustellen daß eine Partnerin aus der eigenen Religionsgemeinschaft gewählt wird.

Kann sein dies, kann sein das - leider findet sich im Alten Testament keine Erklärung für dieses Gebot. Schluderigkeit beim Niederschreiben der Anweisungen? Ich glaube nicht. Da es nicht das einzige Mal ist, geht es wohl eher darum die Gläubigen zu nötigen sich Gedanken über deren Inhalt zu machen.

http://en.wikipedia.org/wiki/Circumcision - hier findet sich folgendes:
Neonatal circumcision is generally safe when done by an experienced practitioner... complications occur in less than 1% of procedures, and constitute the vast majority of all acute circumcision complications in the United States. Minor complications are reported to occur in 3% of procedures...
Significant acute complications happen rarely, occurring in about 1 in 500 newborn procedures in the United States... The mortality risk is estimated at 1 in every 500,000 neonatal procedures conducted within the United States.

Der "Shulchan Aruch" (Gedeckter Tisch), ist eine praktische Auslegung der Gebote der Tora, die von dem Rabbiner Yosef Karo 1563 zusammengestellt wurde. Dort finden sich 8 Punkte zur Durchführung einer Beschneidung. Demnach muß der Beschneider vorher ermitteln ob das Kind gesund ist und die Mutter dazu anhalten ihm sofort Bescheidzusagen wenn sie irgendetwas ungewöhnliches am Neugeborenen bemerkt. Die Beschneidung ist so wichtig daß sogar ein vor dem achten Tag verstorbener Säugling vor der Beerdigung beschnitten werden soll.
Es heißt daß am 8ten Tag die Selbstheilungskräfte am stärksten sind.

Contra:
Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit gemäß Artikel 2 des Grundgesetzes.

G-tt hat uns perfekt gemacht, er will nicht, dass wir da etwas wegschneiden. Und noch obendrein ohne das erklärte Einverständnis des Betroffenen. Das sagt die Frau die hinter dieser Initiative steckt, zu lesen in diesem Beitrag: http://www.zeit.de/2012/42/Beschneidung-Gesetz

Traumatisiert oder fröhlich?
Ein Facharzt der im Zeit Online Beitrag "Das richtige Urteil!" zu Wort kommt http://www.zeit.de/2012/29/Beschneidungsdebatte/seite-2, konstatiert: "Die Entfernung der Vorhaut stellt ein Trauma dar und kann zu erheblichen körperlichen, sexuellen oder psychischen Komplikationen und Leidenszuständen bis ins Erwachsenenalter führen." Wie weist man nach daß Komplikationen eines Erwachsenen mit einem Vorgang zu tun haben der soweit zurückliegt daß er sich bestimmt nicht daran erinnern kann?

An die erste Beschneidung bei der ich dabei war kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür war ich zu jung. Auch an die Schmerzen kann ich mich nicht mehr erinnern und bin daher meinen Eltern für die schnelle Erledigung der Angelegenheit dankbar. Ich kann aber auf folgendes Link verweisen: 
http://dradler-berlin.de/media/operation-beschneidung.pdf:
Dort findet sich folgendes:
Die Fachwelt ist sich uneins, wie ausgeprägt Schmerzempfindungen in der Genitalregion des Neugeborenen bzw. die Schmerzverarbeitung des Nervensystems beim Neugeborenen sind.
Tatsächlich weinen die Kleinen oft gar nicht, oder nur kurz, bzw. schreien bereits, wenn sie noch nicht mal entblößt sind, weil sie die ungewohnten Geräusche, die fremden Menschen und die fehlende Nähe zur Mutter missmutig stimmen. Sicher ist jedoch, das die Schmerzempfindung deutlich zunimmt, je älter das Kind ist. Schon drei Wochen nach der Geburt eines reif geborenen Kindes sind die Schmerzreaktionen deutlich und heftig weshalb spätestens dann eine örtliche Betäubung mittels Spritze und zuvor mittels Betäubungscreme erfolgen sollte.

Ist die medizinische Indikation hier relevant?

Ich meine - nein, weil es sich um ein Gebot handelt. Als Gläubiger wird man auch ohne erwiesene medizinische Vorteile beschneiden denn gläubig sein heißt zum einen die menschliche Unvollkommenheit zu sehen und zum anderen an eine höhere Instanz zu glauben die schon ihre Gründe haben wird wenn sie etwas anordnet.
 

Rechtslage

Im folgenden einige Kommentare aus dem Zeit-Forum die mir relevant erschienen.

Bei der Abwägung zwischen dem Recht der Eltern aus Artikel 6 sowie deren Recht auf die Freiheit der Religionsausübung gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes auf der einen Seite und dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Grundgesetz) auf der anderen Seite sei festzustellen, dass die Beschneidung als traditionell-rituelle Handlungsweise der Dokumentation der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit zur muslimischen Lebensgemeinschaft diene. „Damit wird zugleich einer drohenden Stigmatisierung des Kindes entgegengewirkt“, heißt es im erstinstanzlichen Urteil welches dann in zweiter Instanz revidiert wurde.

Wie sich aus der ständigen Rechtsprechung des BVerfG ergibt, üben die Eltern das Grundrecht der Religionsfreiheit gewissermaßen Treuhänderisch für das unmündige Kind aus. Deshalb muss sich ein Verbot der Beschneidung von Knaben am Maßstab des Art. 4 GG prüfen lassen. "Die in Art. 4 Abs. 1 GG verbürgte Glaubensfreiheit umfasst auch den Anspruch, nach eigenen Glaubensüberzeugungen leben und handeln zu dürfen (vgl. BVerfGE 32, 98 <106>; 93, 1 <15>). In Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG, der den Eltern das Recht zur Pflege und Erziehung ihrer Kinder garantiert, gewährt Art. 4 Abs. 1 GG das Recht zur Kindererziehung in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht. Danach ist es Sache der Eltern, ihren Kindern Überzeugungen in Glaubens- und Weltanschauungsfragen zu vermitteln (vgl. BVerfGE 41, 29 <44, 47 f.>) und nicht geteilte Ansichten von ihnen fernzuhalten (vgl. BVerfGE 93, 1 <17>)."

BVerfGE 93, 1:
"Zur Glaubensfreiheit gehört aber nicht nur die Freiheit, einen Glauben zu haben, sondern auch die Freiheit, nach den eigenen Glaubensüberzeugungen zu leben und zu handeln (vgl. BVerfGE 32, 98 [106]). Insbesondere gewährleistet die Glaubensfreiheit die Teilnahme an den kultischen Handlungen, die ein Glaube vorschreibt oder in denen er Ausdruck findet"

Problematisch wäre es wenn die Beschneidung zu einer dauerhaften Festlegung auf einen Glauben führen würde. Das ist aber nicht der Fall, jedenfalls ist mir keine Religion bekannt die von ihren Gläubigen verlangt unbeschnitten zu sein.
 

Praktische Konsequenzen eines Verbots

Hier der Versuch sich in die Lage des Kindes zu versetzen sollten die Empfehlungen des Europarates zu Gesetzen reifen.
Jüdische und Muslimische Jungen in Deutschland müßten bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit mit 14 abwarten um dann selber entscheiden zu können ob oder ob nicht. Statt daß die Beschneidung zu einem Zeitpunkt vollzogen wird an dem man über die Schmerzempfindung des Betroffenen diskutieren kann, würde sie auf einen Zeitpunkt verlegt wo es zweifellos weh tut - und warum? Weil jemand der eigendlich nichts damit zu tun hat ihm Vorhaut und eine Wahlfreiheit erhalten will die in der Praxis nicht durchsetzbar ist. Oder sollten sie etwa von Zeit zu Zeit vorstellig werden, die Hose runterlassen damit sichergestellt werden kann daß keine Gesetzesübertretung begangen worden ist? Sollten jüdische und muslimische Jungen in speziellen Internaten großgezogen werden damit sie mit 14 Jahren wirklich objektiv, von den Eltern unbeeinflusst entscheiden können?

Ein ziemlich extremes Szenario, realistischer sind diese beiden Möglichkeiten:
Die herannahende Entscheidung bliebe den Schulkameraden nicht verborgen. Würden sie den Jungen darin bestärken sich zu seinem Glauben zu bekennen oder würden sie ihn auffordern, im Sinne der Aufklärung, von diesem archaischen Ritus abzulassen? Wäre es nicht viel naheliegender daß sie die Gelegenheit nutzen würden den Jungen zu hänseln, oder sich sonstwie auf seine Kosten einen Spaß machen? Folge könnte sein daß die Eltern ihre Söhne lieber in "eigene" Schulen schicken um ihnen daß zu ersparen - Segregation statt Integration.
Sollte er bis dahin seine Verwandten in Israel oder der Türkei besuchen, werden die wohl hinter vorgehaltener Hand tuscheln - das wäre ein Beispiel für die im Erstinstanzlichen Urteil angesprochene Stigmatisierung. Ein viel besserer Nährboden für Komplexe als wenn man die ganze Sache in den ersten Lebenstagen hinter sich bringt. Wohl dem der Verwandten hat die bei sowas nicht tuscheln würden.

In welcher Gefühlswelt würde der Junge aufwachsen? Entscheidungsfreiheit statt Zugehörigkeit. Religion nur für Erwachsene - so wie Pornographie.

Noch wahrscheinlicher wäre, daß ein "Beschneidungstourismus" anfinge. Jene denen daran liegt würden ihren Sohn dann ausserhalb der EU beschneiden lassen. Effekt: Kinder würden weiterhin beschnitten werden, nur nicht "vor unserer Haustür". Der Junge müsste natürlich dafür sorgen diesen Umstand bis zu seinem 14ten Geburtstag zu verheimlichen.

 Es fragt sich was die Intention jener ist die diese Initiative vorantreiben. Geht es wirklich um den Schutz des Neugeborenen, oder meint man als Mehrheit neugeborene Kinder aus Prinzip bevormunden zu können da man sich sicher ist es besser zu wissen. Dabei müßte man eigendlich als vernünftiger Mensch in der Lage sein, die Initiative mit ihren möglichen Folgen zu durchdenken und den eigenen Handlungsweg zu hinterfragen.

Integration ist nicht Gleichmacherei sondern den Anderen in seinem Anderssein akzeptieren können. Dabei braucht man keine Angst zu haben der Andere könne sich nicht eingliedern nur weil er anders ist. Ich denke die meisten Migranten sind heilfroh in Deutschland zu sein und wenn sie auch nicht ihre eigene Identität ablegen wollen, so werden sie doch wenigstens wie gerngesehene Gäste sein wollen die ihren Teil zum Gesamtwohl beitragen, so war es jedenfalls bei meinen Eltern.

Aufklärung kontra Religion

Der Gläubige Mensch sieht die Unvollkommenheit des Menschen und sucht das vollkommene, das unveränderliche. Dies konnte von Stellvertretern ausgenutzt werden. Die Aufklärung hat es geschafft diesen Misständen durch das Prinzip der Bildung für alle, ein Ende zu setzen. Heute können wir lesen, wir können selber in die Quellen schauen und uns eine eigene Meinung bilden. Nun muß also alles erklär- und begründbar sein. Die Vernunft wird als oberste Instanz gesehen welche sich auf das derzeitige Wissen stützt. Dieses Wissen kann sich aber ändern und die menschliche Vernunft ist ein arg limitiertes und unzuverlässiges Ding. Ein Gläubiger wird nicht anfangen sein heiliges Buch zu editieren weil Teile davon mit dem gerade herrschenden ZeitGeist der Umgebung nicht in Einklang stehen denn in dem Fall hätte er seinen G-tt einem Geist geopfert.

Der Aufgeklärte Mensch denkt mit und hinterfragt. Ist das neu? Nein, daß hatten wir schon, sogar vor ganz langer Zeit. In Mose 1, Kapitel 28, Sätze 20 - 32 will der Herr Sodom vernichten und Abraham handelt ihm das Versprechen ab, davon abzusehen wenn sich Gerechte in der Ortschaft befinden. So auch mit Moses: als der Herr nach dem Skandal mit dem Goldenen Kalb das Volk Israel vernichten und Moses zum Stammvater eines Neuanfangs machen will, weist ihn dieser darauf hin das es schlecht aussehen würde erst ein Volk in die Freiheit zu führen um es dann zu vernichten. Mose 2, Kapitel 32, Sätze 8 - 14.

Eine Errungenschaft der Aufklärung ist daß man über alles offen reden kann, doch wenn als Folge davon die Genitalien Andersgläubiger ins Rampenlicht gezerrt und genauestens inspiziert werden anstatt sich mit dem Glaubens- und Regelgebäude der betroffenen Religionen auseinanderzusetzen um eine sinnvolle Diskussion zu führen wirft dies Fragen zum Wert der Offenheit auf.

Auch wenn man nicht glauben kann daß das was in den Heiligen Büchern erzählt wird in der Form stattgefunden haben kann, der Umstand das soviele Menschen sich bis Heute mit der Materie befassen legt nahe daß man etwas daraus lernen kann. Wenn man der Religion mit Misstrauen begegnet nur weil sie mal von Menschen zu ihren eigenen Zwecken missbraucht wurde kann man von ihren Inhalten nicht profitieren. Nur wer kein Interesse hat sich zu bessern weil er sich für vollkommen hält wird sich daran nicht stören.

zum Nachdenken

Wer die Beschneidung als gewalttätigen und barbarischen Brauch verurteilt sollte sich bewusst sein daß es noch einen Fall gibt in dem die Eltern für das Kind eine Entscheidung treffen, ohne zu warten bis es sich selber dazu äußern kann. Auch hier hat es für die Eltern eine große Bedeutung. Es ist die Abtreibung. Obwohl das Kind die Ausführung der Entscheidung nicht überlebt wird es als eine moderne Errungenschaft im Sinne der Gleichheit, Freiheit und Emanzipation gefeiert. Der Unterschied: bei der Abtreibung ist das Kind (Fötus) ungeboren und wird bis zum Zeitpunkt der Geburt nicht als vollwertiges Individuum angesehen.