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Sonntag, 26. November 2017


Bemerkungen zum Tempelberg (Ver. 2.0)

 

Vorwort


Wann immer etwas auf dem Tempelberg passiert, oder etwas was mit ihm zu tun hat, geht ein Rauschen durch die Medienlandschaft und Millionen Muslime regen sich auf.
Über den Tempelberg kann man nicht nur Bücher, sondern ganze Büchereien schreiben. Aber darum geht es mir nicht. Hier soll der Leser in möglichst kurzer Form jene Informationen finden die nötig sind um die Zusammenhänge zu verstehen.

Die Klagemauer während des einwöchigen Laubhüttenfests
2015 begann eine Welle der Gewalt mit Ausschreitungen ebendort. Jede Menge Beiträge und Kommentare in den Medien. Die Einen berichteten mehr über randalierende arabische Jugendliche, die Anderen mehr über gutausgerüstete, schwerbewaffnete israelische Polizisten – je nach Gusto. Nur das wesentliche fehlte: eine Erklärung der Hintergründe.
2015 fiel das jüdische Neujahrsfest mit dem muslimischen Eid al Adha zusammen. Der Tempelberg war wie immer an muslimischen Feiertagen voller Gläubiger und der Vorplatz der Klagemauer war wie immer an jüdischen Feiertagen voller Gläubiger.

Quelle: siehe (1)

In Bildern



Das wesentliche kann man ganz einfach durch das anschauen von Bildern verstehen. Leider habe ich keine eigenen Luftbilder, es gibt aber einige passende in dem oben angegebenen Link zu sehen. Im obersten Bild sieht man die gesamte Altstadt, mit einem Teil der Neustadt im Hintergrund und dem Tempelberg im Vordergrund. Vorne in der Mitte, mit dem schwarzen Dach die al-Aqsa Moschee und dahinter mit der goldenen Kuppel der Felsendom. Links, etwas oberhalb der Moschee ist der Vorplatz der Klagemauer erkennbar.
Geht man weiter runter und klickt auf Bild 9 bekommt man es in besserer Auflösung. Nun kann man deutlich die Klagemauer mit dem gesamten Vorplatz im Vordergrund erkennen. Hier kann man den eingeschossigen Bau auf dem Tempelberg, der den oberen Abschluss der Klagemauer bildet, deutlich sehen. In Bild 11 sieht man dasselbe von Süden aus. Vorne die al-Aqsa Moschee, in der Mitte der Felsendom, links davon die Klagemauer. Sie ist eine der Böschungsmauern des Tempelberges. Man muß also lediglich auf das Flachdach eines eingeschossigen Baus klettern um vom Tempelberg aus den ganzen Vorplatz der Klagemauer zu Füßen zu haben.
In Bild 27 kann man rechts vom Felsendom, vorne in der Mauer einen Turm erkennen. In ihm zwei zugemauerte Bögen. Vor ihm muslimische Gräber. Es ist das Goldene Tor, durch das jüdischen Überlieferungen zufolge, einst der Messias nach Jerusalem Einzug halten soll. Der Messias wird ein Kohen sein (Nachfahre jener die für den Tempeldienst bestimmt waren) und die dürfen im wahrsten Sinne des Wortes nicht über Leichen gehen. Hier kann man sehen wie sich Religion auf Stadtplanung auswirken kann.

Ohne Gefühl, Morphologie und Baugeschichte


Der Tempelberg war ursprünglich ein felsiger Hügel der von ebensolchen Hügeln umgeben war. Der erste Tempel wurde um 960 v.Chr auf ihm erbaut und stand 374 Jahre dort bis er von den Iranern, pardon den Persern, um 586 v.Chr zerstört wurde. Bereits 70 Jahre später, im Jahre 516 v.Chr wurde dann der zweite Tempel eingeweiht und stand dort bis zur Zerstörung durch die Römer um 70 n. Chr., also 586 Jahre lang. Damit der Tempel auf dem Hügel von riesigen Höfen umgeben sein kann, die dem Menschenandrang Rechnung tragen können, ließ König Herodes ein etwa 300 x 480m. großes, künstliches Plateau erbauen. Es existiert bis in den heutigen Tag und ist das was wir heute als Tempelberg kennen. Ein kleiner Teil einer der Böschungsmauern ist die Klagemauer.
Insgesamt stand an diesem Ort 960 Jahre lang ein jüdisches Heiligtum.

In Byzantinischer Zeit hat dort wahrscheinlich ein Kloster gestanden.
621 Jahre nach der Zerstörung des zweiten Tempels und 70 Jahre nach der „Nachtreise“ Mohammeds, wird 691 n.Chr. der Felsendom eingeweiht, gefolgt 715 n.Chr. von der ersten al-Aksa Moschee. Der Felsendom ist das älteste, heute noch erhaltene Werk islamischer Architektur. Der Initiator des Baues, der Kalif Omar, wollte an dem Ort ein alternatives Machtzentrum zu Mekka und Medina errichten.

Zuviel Gefühl? Bedeutung des Ortes


Beim Jüdischen Neujahrsfest wünscht man sich gegenseitig das nächste Jahr in Jerusalem zu sein und selbst wenn man als Jude ein Dankgebet für das Essen sagt ist auch hier von Moriah, Zion und Jerusalem die Rede.
Um sich auf sein Gebet konzentrieren zu können wird nach Geschlecht getrennt.
Männer auf der linken Seite, Frauen auf der Rechten.
Dieser Ort hat seinen Stellenwert für uns Juden wegen dem ersten Buch Mose, Absatz 22. Abraham soll mit seinem Sohn zu einem Ort im Hügelland Moria kommen der ihm vom Herrn gezeigt werden wird. Um den Sohn zu opfern wie es scheint. Doch es kommt nicht dazu, denn in der Legende geht es darum klarzumachen daß das Judentum nicht nur mit nur einem G-tt, sondern auch ohne Menschenopfer auskommen muß. Bevor man sich nun als aufgeklärter Westeuropäer an den Kopf fasst, sollte man sich vergegenwärtigen daß dieses Vorkommnis etwa 3500 Jahre zurück liegen soll, als Menschenopfer durchaus zur religiösen Praxis gehörten. Wie Moorleichen beweisen, nicht nur im Orient.
Hier findet ein Paradigmenwechsel statt: das Geschöpf existiert nicht um seinem Schöpfer zu dienen, sondern der Schöpfer hat die Schöpfung erschaffen um des Geschöpfes willen. Eine solche Sichtweise räumt dem Geschöpf natürlich Freiheiten ein. Will man den Schöpfer erfreuen, braucht es keine Menschenopfer, sondern lediglich ein Leben seinen Geboten zufolge.
Auch soll von diesem Felsen aus der Herr die Welt erschaffen haben. Eigentlich unlogisch, aber es geht hier um Glauben.
Aus diesen Gründen werden an derselben Stelle später zwei jüdische Tempel in Folge gebaut. Und daher kommt etwa 1000 Jahre später der Gründer der christlichen Religion an diesen Ort und etwa 600 Jahre nach ihm auch der Gründer des Islam, allerdings in einer Vision.

Der muslimischen Tradition zufolge begann hier der Aufstieg Mohammeds himmelwärts vom Tempelberg, wo er den Koran in Empfang nehmen sollte. Direkt erwähnt wird der Ort im Koran aber nicht.

Der islamische Anspruch auf das Tempelbergplateau beruht ausschließlich auf Mohammeds Selbstbeschreibung dieser Nachtreise, die aber nicht einmal Jerusalem, sondern eine "Äussere Moschee" benennt. Ob Traum oder Realerfahrung war schon bei den Zeitgenossen der Quraisch Sippe in Mekka als unglaubwürdig verworfen worden und ist zwischen Schiiten und Sunniten bis heute umstritten.
Auch ein naher Verwandter des Propheten -Mohammed ibn al-Hanafiya (638-700) verunglimpft die Ansicht, dass der Prophet jemals einen Fuß auf den Felsen in Jerusalem gesetzt habe; “diese verdammten Syrer", womit er die Omajjaden meint, "tun so, als ob Allah Seinen Fuß auf den Felsen in Jerusalem setzte, obwohl [nur] eine Person jemals den Felsen betrat, nämlich Abraham."

Der historischen Gerechtigkeit zugute sollte aber auch gesagt werden daß es ebenjene Moslems unter dem Kalifen Omar waren, die 638 n.Chr. den Juden die Wiederkehr in die Stadt erlaubten. Und als Sultan Saladin die Stadt im Jahre 1187 von den Kreuzrittern erobert, erlaubt auch er den Juden wieder in der Stadt zu wohnen.

Jerusalem wird im Alten Testament 699-mal, Zion (Synonym für Jerusalem, manchmal auch für das ganze Land Israel) 154-mal, insgesamt also 823-mal erwähnt. Die christliche Bibel erwähnt Jerusalem 154-mal und Zion 7-mal. Der Koran kein einziges Mal.

Quelle: siehe (2)

  

Heiligkeit/Religion



Um die Bedeutung dieses Ortes zu erfassen muß man sich mit dem Stellenwert von Glauben und Religion befassen.
Die Aufklärung warf der Religion vor sie sei ein Instrument um Gläubige einfach und bequem mithilfe des Glaubens zu lenken. Wenn ich Aufgeklärt bin brauche ich keine heiligen Stätten, folglich kann es auch keinen Streit darum geben. Selbst die Gräber von Descartes, Leibnitz, Lambert und Kant als Wallfahrtsorte brauche ich nicht – wie schön.
Aber bedeutet dies das Glauben von vorneherein etwas Schlechtes ist? Wenn sich Jahrtausende lang Menschen darüber Gedanken machen wie man menschliches Zusammenleben gestalten und regeln kann, sammelt sich dabei eine Unmenge von empirischem Wissen an.
Ist der Ruhetag einmal in der Woche eine Erfindung der Gewerkschaftsbewegung? Das Sie ihren Nachbarn nicht umbringen wenn Sie mit ihm Meinungsverschiedenheiten haben, das Sie es sich zweimal überlegen bevor Sie mit seiner Frau fremdgehen, das Sie sich an die Polizei wenden wenn Sie betrogen worden sind und nicht den Betrüger und auch gleich seine ganze Sippe umbringen – sind dies alles Errungenschaften der modernen Rechtsprechung? Nein, all dies steht schon in den 10 Geboten, im Alten Testament.
Briefkasten des Herrn: man kann eine Bitte auf einen Zettel schreiben
und irgendwo in der Mauer in einen Spalt stecken.
Und nun stellen Sie sich vor das es in Ihrer Umgebung Orte gibt die mit diesen uralten Geboten in direkter Verbindung stehen sollen.
Man überlege sich was es einem Kölner Katholiken macht daß sich der Dreikönigsschrein im dortigen Dom befindet. Man kann die Authentizität anzweifeln, aber wenn es sich vielleicht doch um Caspar, Melchior und Balthasar handelt, würden hier Glaubensinhalte anfassbar. Und wie wäre es um die gebotene Friedfertigkeit bestellt wenn Andersgläubige den Kölner Katholiken den Anspruch auf den Dreikönigsschrein streitig machen wollten? Gleiches gilt für die Machpelah Höhle in Hebron, die Klagemauer und Mekka.
Die Machpelah Höhle ist der Ort wo die Vorväter und Mütter begraben sind – in den alten Schriften findet sich eine genaue Ortsangabe. Sie können nach Hebron fahren und über der Grabeshöhle die im Alten Testament, in Mose1, Kapitel 23 beschrieben ist, beten. Als Aufgeklärter kann man natürlich behaupten daß die Authentizität des Ortes nicht nachweisbar ist. Selbst wenn dies eine Höhle mit Skeletten in Hebron ist, es kann sein daß dies die falsche ist, weil es vielleicht noch eine gibt.
Nicht alle sind durch die Heiligkeit des Ortes ergriffen...
Mit der Authentizität der Klagemauer sieht es schon besser aus. Sie gilt als solch ein anfassbarer Beweis dafür daß der Tempel existiert hat und wird so zum Symbol dafür daß wir Juden eine Bindung zu diesem Ort haben. Wenn auch der Wakf Ausgrabungen zu verhindern sucht, die hebräischen Steinmetzzeichen der Mauerblöcke sprechen im wahrsten Sinne des Wortes eine deutliche Sprache. Der traditionelle und der religiöse Normal-Israeli wächst in dem Bewusstsein auf das hier der Herr durch Abraham und Isaak die Menschenopfer–nein-danke Doktrin in die Welt gesetzt hat und hier die Tempel standen. Das ist für die Realität das wesentliche: Menschen glauben an etwas und handeln danach.
Endlose Streitereien um heilige Orte lassen Religion und Überlieferung in einem schlechten Licht erscheinen. Religion ist aber nicht von vorneherein schlecht. Schlecht ist wenn man ihre Errungenschaften nicht respektiert und noch schlechter wenn man ihre Inhalte missbraucht.

Status Quo

Vor dem Sechstage-Krieg war die Klagemauer, wie auch das jüdische Viertel der Jerusalemer Altstadt für Juden 19 Jahre lang nicht zugänglich da sie jenseits der Grünen Linie liegen.
Das jordanische Königshaus hat in der Mandatszeit das Schlüsselrecht für den Tempelberg bekommen. Es setzt den Wakf ein, eine muslimische Körperschaft für die Verwaltung religiöser muslimischer Stätten die den Ort verwaltet. Nachdem Nord- Ost- und Südjerusalem 1967 von Israel erobert wurden, beließ Verteidigungsminister Dayan erstaunlicherweise die Verwaltung bei dem Wakf. Der dabei festgelegte Status Quo besagt daß dieses Areal zweimal am Tag außer Freitags von Nichtmoslems betreten/besucht werden darf. Beten ist Nicht-Moslems nicht erlaubt, wohl aber der Besuch des schönen Haram al Sharif, des Felsendomes. Für Sicherheit und Archäologie ist Israel zuständig.
Wieso übergibt der Oberbefehlshaber einer siegreichen Armee die Verwaltung eines Ortes, der seiner Religion als heilig gilt, den Vertretern des Gegners?


Als der erste und der zweite Tempel noch existierten, gab es eine Hierarchie von Zonen - eine äußere die auch von Nichtjuden betreten werden durfte, eine die auch von Frauen betreten werden durfte, eine die von allen jüdischen Männern betreten werden durfte, eine die für die Priester reserviert war und ins Allerheiligste durfte nur der Hohepriester nur am Busstag. Heute sind diese Zonen nicht mehr erkennbar, obwohl man davon ausgehen kann daß das Allerheiligste - dort wo die Bundeslade mit den Gesetzestafeln aufbewahrt wurde - etwa dort war wo heute der Felsendom steht.


Suchbild: wer genau hinschaut sieht etwas unerwartetes.
Wenn man heute auf dem Plateau rumspaziert könnte es sein daß man dies unwissentlich in einem Bereich tut den man nicht betreten dürfte, stände der Tempel noch. Daher sind die meisten Rabbiner der Meinung man solle den Tempelberg als Jude gar nicht erst betreten.
Merke: während der Wakf Andersgläubigen das Beten auf dem Tempelberg untersagt, untersagen die Rabbiner nur den eigenen Leuten das Betreten des für sie heiligsten Ortes – nicht den Anderen.
Erstaunlich ist auch das der Status Quo kein geschriebenes Dokument ist, sondern eine mündliche Abmachung.
 

Wakf

Auf dem Gelände gelten die Gesetze Israels, was unter anderem bedeutet dass der Wakf Bau- und Grabungsarbeiten nur in Abstimmung mit der Archäologiebehörde ausführen darf. 1996/2005 wurde die Al Aqsa Moschee um einen Gebetsraum für 7000 Gläubige an der Südostecke des Plateaus unterirdisch erweitert. Zum einen ist es das einzige Beispiel einer unterirdischen Erweiterung einer Moschee daß ich kenne, zum anderen war der Aushub von unschätzbarem archäologischem Wert, da sich ja direkt unter dem heutigen Fußboden die Reste der beiden Tempel befinden. Israelische Archäologen mussten die 300 LKW Ladungen (etwa 13.000 Tonnen) Aushub ausfindig machen um sie zu sieben. Dabei wurden einige wichtige Funde gemacht. Die Arbeiten dauern bis zum heutigen Tag an.
Es gab keine Folgen für den Wakf wahrscheinlich weil der Staat Israel sich nicht mit 1,5 Milliarden Moslems anlegen wollte.
Der Wakf versucht mit allen Mitteln archäologische Grabungen auf dem Tempelbergplateau zu verhindern, da man die Existenz eines Tempels an dem Ort leugnet und offensichtlich daß Auffinden von archäologischen Beweisen für seine Existenz verhindern will.
Quellen: siehe (3 – 5)


Alltag

Das jüdische Viertel gegenüber der Klagemauer.
Während der jordanischen Besetzung völlig zerstört,
nach dem Sechstage Krieg neu aufgebaut
gilt es heute als Siedlung da es jenseits der Grünen Linie liegt
Faktisch ist der Tempelberg mit Al Aqsa Moschee und Felsendom den Moslems zugänglich und die Klagemauer uns Juden. Weil Israel dem Status Quo zufolge für die Sicherheit verantwortlich ist stehen an jedem Zugang zum Tempelberg ständig zwei oder mehr Grenzschützer/Polizisten. Beim Freitagsgebet und besonders an Feiertagen der Moslems herrscht oft großer Andrang und wenn die Polizei oder das Militär die Vermutung haben es könne zu Ausschreitungen kommen wird der Zugang für Männer begrenzt. Meist auf das Alter von zwischen 40 oder 50 Jahren.
Der obere Abschluss der Klagemauer ist ein eigeschossiger Bau auf dem Tempelberg. Von seinem Flachdach könnte man bequem Steine und sonstiges runter in den Vorbereich der Klagemauer werfen. Bewaffnete Grenzschützer sind auf dem Dach eines historischen Turmes postiert um dies zu verhindern.
Bis zu den Vorkommnissen im September 2015 galt eine ungeschriebene Vereinbarung, die besagte daß die Polizei wohl auf dem Tempelberg eingreift, nicht aber in die Al–Aqsa Moschee eindringt.
Die Sicherheitskräfte sind auch da um eine Gruppierung von jüdischen Aktivisten mit dem Namen "Treuhänder des Tempelberges" vom Betreten des Areals abzuhalten. Diese wollen den Felsendom und die Al – Aqsa Moschee irgendwie wegmachen um den Bau des Dritten Tempels schon mal vorzubereiten nach dessen Fertigstellung dann, den Schriften zufolge, der Messias erscheinen soll. Gewissermaßen um sein baldiges Erscheinen zu erzwingen.
Dieses Erscheinen würde auch nötig sein, da nach einem solchen Vorfall die Hölle los sein würde...

Besucher oder Extremisten?

Abbas beschuldigte im Jahre 2015 Israel, die Region in einen "zerstörerischen Religionskrieg" zu stürzen. Israel müsse seine "Siedler und Extremisten von der Al-Aqsa-Moschee und dem Tempelberg fernhalten", forderte er in seiner Rede zum zehnten Todestag von Palästinenserführer Jassir Arafat. Ihr Auftreten sei eine Provokation.
Der Grund: in den letzten Jahren hat sich die Zahl der Besucher verdoppelt!
Als Gegenmaßnahme hatte die Islamische Bewegung in Israel die Murabitat gebildet – die Verteidiger des Glaubens. Es funktionierte so: wenn ein Wakf Vertreter am Eingang zum Berg verdächtige Personen sah, telefonierte er mit den Murabitat, meist eine Gruppe von älteren Frauen, die unweit des Einganges auf dem Tempelberg saß. Sobald sich die Verdächtigen näherten brach ein lautes "Allah hu Akbar"- Geschrei los. Im September 2015 wurde diese Gruppierung von der Regierung verboten.
Quelle: siehe (6)
Ein Vergleich zur Illustration. Wieder mit dem Dom. Man stelle sich vor: der Kölner Dom dürfte nur von Katholiken betreten werden und die Domplatte stünde nur an Wochentagen Andersgläubigen offen, wobei der Erzbischof von Köln von der Stadtverwaltung eine Zugangsbeschränkung für Nicht-Katholiken auf die Domplatte erstreiten möchte. Bei jedem Gerücht eine grosse Nicht-Katholische Besuchergruppe betreffend, stünden sofort die katholischen Pfadfinder "Gewehr bei Fuss" und eigens dafür herangefahrene Reisegruppen von Katholiken und Katholikinnen würden jedem suspekten Besucher das "Vater Unser" oder ein Mariengebet entgegenschreien...
Deutlich ist die hölzerne Rampe zu erkennen. Sie ist der einzige
Zugang für Nicht-Moslems auf den Tempelberg.
Im Vordergrund eine Laubhütte.
Den Tempelberg kann man als Nicht – Moslem von Montag bis Donnerstag, Vormittags und Nachmittags besuchen. Dabei kann man den Haram –a-Sharif, den Felsendom mit seinen wunderschönen Mosaiken und der goldenen Kuppel besichtigen, nach einem Brandanschlag eines christlichen Besuchers in den 90ger-Jahren betritt aber kein Nicht-Moslem mehr die Al-Aqsa Moschee.
In letzter Zeit gibt es Rabbiner, wie Jehuda Glick, die eine Umrundung des Geländes befürworten, weil dies eine Möglichkeit ist Präsenz zu demonstrieren ohne gegen die Zugangsbeschränkungen von Einst zu verstoßen. Und so haben Nationalreligiöse jüdische Aktivisten das Besuchsrecht dazu genutzt in grossen Gruppen auf den Berg zu kommen um ihn zu besichtigen und zu singen – und wer weiß, wahrscheinlich in dem Getümmel auch zu beten.
Konkrete Zahlen habe ich in der בשבע  (BeSheva) Zeitung vom 14,4,16 gefunden. Dem nationalreligiös orientierten Blatt zufolge kamen im Jahr 2009 5.658 jüdische Besucher, im Jahr 2014 11.754 jüdische Besucher, im Jahr 2015 11.001 jüdische Besucher auf den Tempelberg.
Von jährlich 5.658 auf rund 11.754 Besucher. Die jüdischen Besucher kommen meist rund um die jüdischen Feiertage. Gehen wir mal davon aus das 6.000 Besucher sich weiterhin auf die etwa 200 Besuchstage pro Jahr verteilen. Das sind 30 Besucher pro Tag. Die 5.754 Anderen kommen geballt an den rund 18 jüdischen Feiertagen – macht etwa 320 zusätzliche Besucher an einem solchen Tag die das 300 x 480m. große Areal umrunden.
Quellen:
(2)   Middle East Forum Danielpipes über wissenswerte Umstände des moslemischen Anspruchs auf den Tempelberg http://de.danielpipes.org...
  Zu den unkontrollierten Grabungen des Wakf:
(3)   http://en.wikipedia.org/wiki/Excavations_at_the_Temple_Mount
(4)   http://en.wikipedia.org/wiki/Temple_Mount_Sifting_Project
(5)   http://www.echad.info/sifting/media/jpost14-4-05.html
(6)   https://en.wikipedia.org/wiki/Murabitat


 
 









 


Donnerstag, 28. November 2013

Zum Thema Beschneidung


Was habe ich damit zu tun?

Die Diskussion um dieses Thema leidet an einem fürchterlichen Wissensdefizit. Als aufgeklärt erzogener Jude möchte ich meinen Beitrag dazu leisten dieses Defizit zu reduzieren damit die Diskussion halbwegs vernünftig geführt werden kann.
 

Worum geht es hier?

Ein Kölner Gericht urteilte, daß ein muslimischer Arzt, der einen vier Jahre alten Jungen auf Wunsch seiner Eltern beschnitten hatte, eine Körperverletzung beging. Das Urteil vom Juni 2012 stellte das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit über dem Recht der Eltern und der Freiheit der Religionsausübung. Der Arzt wurde freigesprochen weil er nicht wissen konnte daß dies verboten war. Danach könne aber kein Arzt dies mehr behaupten.
Die ehemalige Kinderschutzbeauftragte des Bundestages beantragte daraufhin die Beschneidung zu verbieten. Dies wurde jedoch durch das sogenannte Beschneidungsgesetz vom Dezember 2012 verhindert. Ende der Geschichte? Nein, denn dieselbe Frau hat als erste "Generalberichterstatterin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates für Belange der Kinder" der EU einen Bericht vorgelegt und die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat daraufhin ein Dokument vorgelegt in dem die Beschneidung zusammen mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen = FGM als Grund "besonderer Besorgnis" bezeichnet. Die Mitgliedsstaaten des Europarates sollten deshalb das Bewusstsein für Risiken solcher Praktiken fördern und das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen.

Sind Beschneidung und FGM vergleichbar?

Unter http://en.wikipedia.org/wiki/FGM#Reasons finden sich folgende Erklärungen für FGM: die Verhinderung von vorehelichem Geschlechtsverkehr und/oder die Reduzierung der weiblichen Lust damit es dem Mann leichter fällt mehrere Frauen zu haben. Bei den Dogon in Mali steht anscheinend feucht für weiblich und trocken für männlich, daher wird das jeweils andersartige weggeschnitten. Schon bei den alten Ägyptern findet sich dieses Vorgehen.
FGM fügt den Mädchen unbestritten einen anhaltenden Schaden zu und bringt auch keinerlei medizinische Vorteile. Die Beschneidung hingegen fügt keinen anhaltenden Schaden zu und galt bis zum Ausbruch der Beschneidungsdebatte sogar als medizinisch vorteilhaft - siehe http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-11/weltaidstag
Dieser Quelle zufolge: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidung-eine-dauerhafte-und-irreparable-veraenderung-11799975.html hat man auch eine Moorleiche in Norddeutschland gefunden die Beschnitten war.

Warum wird so sehr aufs Judentum fokussiert (und nicht auch auf den Islam)?

Mohammed zählt die Beschneidung als eine der Weisungen für die fitrah auf. Die befolgung der fitrah soll dem Gläubigen Anerkennung und Würde verleihen. Im Koran steht: "Folge dem Glauben Ibrahims, dem Aufrechten im Glauben." (16:123) Aussagen zum Glauben Ibrahims oder auch Abrahams finden wir in der Torah, so auch explizit die Weisung zu Beschneiden. In Mose 1,Kapitel 17 ab Vers 9 wird Abraham vom Herrn mit der Ausführung beauftragt.
Eigene Übersetzung:
9:" Und der Herr sagte zu Abraham: bewahre meinen Bund, du und der Same der nach dir kommt für alle Generationen. 10 Dies ist mein Bund den ihr wahren sollt zwischen mir und euch und eurem Samen der nach euch kommt. 11 Beschneiden sollt ihr euch jeden männlichen (Nachkommen). 12 Beschneidet das Fleisch der Vorhaut und es soll werden zum Zeichen eines Bundes zwischen mir und euch. 13 Und acht Tage alt beschneidet euch jeden der männlich ist für alle Generationen, den im Haus geborenen und den für Geld erworbenen von jedwedem Fremden der nicht von deinem Samen ist. Beschneide den in deinem Haus geborenen und den für Geld erworbenen und es ward mein Bund in eurem Fleische zu einem Bund solange die Welt besteht. 14 Der männliche welcher nicht das Fleisch seiner Vorhaut wird beschneiden, herausgerissen (ist) jene Seele aus seinem Volke, gegen meinen Bund hat sie verstossen."
Dieses Gebot wird schon im ersten der Fünf Bücher Mose ausgesprochen, noch vor den 10 Geboten.

Brauch, Tradition oder was?

Beschneidungsgegner tun die Beschneidung als archaisch/primitive Tradition ab. Ein Brauch, eine Tradition ist etwas was sich in Folge der Auslegung der Schriften etabliert hat und geändert werden könnte wenn man nur bereit wäre die Schriften anders auszulegen. Da die Beschneidung aber in der Torah direkt angesprochen wird, ist sie nicht Tradition oder Brauch sondern ein Gebot des Jüdischen Glaubens und indirekt auch des Islam.

Man kann die Jüdische Religion mit einer Zwiebel vergleichen. Innen ist die Torah (5 Bücher Mose) Neviim (Propheten) und Ketuvim (Schriften). Darüber legen sich die älteren und jüngeren Auslegungen und darüber kommen die Auslegungen der zeitgenössischen Rabbiner. Über die Auslegungen kann man sich streiten da es Menschenwerk ist und die können sich ändern wenn es die äußeren Umstände erfordern. Die Tora selber allerdings wird als ein von Moses geschriebenes Buch angesehen. Also auch Menschenwerk? Nein denn dies wird als von G-tt diktiertes Werk angesehen welches nicht angetastet werden soll. "Nicht hinzufügen zu dem welches ich euch auftrage und nicht abziehen von ihm sollt ihr, bewahret die Gebote G-ttes, eures Herrn die ich euch auftrage." so steht es in der Tora selbst - Mose 5, Kapitel 4, Satz 2.

Man könnte demnach fordern daß die Eltern über ihr Handeln aufgeklärt werden, man kann sogar fordern daß der Vorgang selber von medizinisch geschultem Personal vorgenommen wird ohne mit dem Gebot selbst in Konflikt zu kommen.
 

Pro und Kontra Beschneidung

Pro:
Man braucht kein Doktor zu sein um sich denken zu können daß Hautfalten ein vorzüglicher Aufenthaltsort für Bakterien/Krankheitskeime sind.

- Es kann sein daß nachdem durch die Wehen/Schmerzen der Mutter bei der Geburt des Kindes eine gefühlsmäßige Bindung entsteht, mit der Beschneidung ähnliches beim Vater erreicht werden soll. Der Schmerz des Kindes festigt die Bindung zum mitfühlenden Vater. - Es kann sein daß Identität und Zugehörigkeit frühestmöglich festgelegt werden sollen. - Es kann sein daß genau da wo der Samen aus dem Körper des Mannes in den der Frau übergeht und so den Fortbestand des Volkes sichert, der junge Mann daran erinnert werden soll zu welchem Lager er gehört. Wenn man bedenkt daß bei Abrahams Nachbarn Menschenopfer en vogue waren, sieht die Anweisung des Herrn schon sinnvoll aus. Es ist eine Grundaussage des Glaubens daß wir uns sichtbar von den anderen unterscheiden wollen. Das wäre letztendlich Endogamie, also der Versuch sicherzustellen daß eine Partnerin aus der eigenen Religionsgemeinschaft gewählt wird.

Kann sein dies, kann sein das - leider findet sich im Alten Testament keine Erklärung für dieses Gebot. Schluderigkeit beim Niederschreiben der Anweisungen? Ich glaube nicht. Da es nicht das einzige Mal ist, geht es wohl eher darum die Gläubigen zu nötigen sich Gedanken über deren Inhalt zu machen.

http://en.wikipedia.org/wiki/Circumcision - hier findet sich folgendes:
Neonatal circumcision is generally safe when done by an experienced practitioner... complications occur in less than 1% of procedures, and constitute the vast majority of all acute circumcision complications in the United States. Minor complications are reported to occur in 3% of procedures...
Significant acute complications happen rarely, occurring in about 1 in 500 newborn procedures in the United States... The mortality risk is estimated at 1 in every 500,000 neonatal procedures conducted within the United States.

Der "Shulchan Aruch" (Gedeckter Tisch), ist eine praktische Auslegung der Gebote der Tora, die von dem Rabbiner Yosef Karo 1563 zusammengestellt wurde. Dort finden sich 8 Punkte zur Durchführung einer Beschneidung. Demnach muß der Beschneider vorher ermitteln ob das Kind gesund ist und die Mutter dazu anhalten ihm sofort Bescheidzusagen wenn sie irgendetwas ungewöhnliches am Neugeborenen bemerkt. Die Beschneidung ist so wichtig daß sogar ein vor dem achten Tag verstorbener Säugling vor der Beerdigung beschnitten werden soll.
Es heißt daß am 8ten Tag die Selbstheilungskräfte am stärksten sind.

Contra:
Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit gemäß Artikel 2 des Grundgesetzes.

G-tt hat uns perfekt gemacht, er will nicht, dass wir da etwas wegschneiden. Und noch obendrein ohne das erklärte Einverständnis des Betroffenen. Das sagt die Frau die hinter dieser Initiative steckt, zu lesen in diesem Beitrag: http://www.zeit.de/2012/42/Beschneidung-Gesetz

Traumatisiert oder fröhlich?
Ein Facharzt der im Zeit Online Beitrag "Das richtige Urteil!" zu Wort kommt http://www.zeit.de/2012/29/Beschneidungsdebatte/seite-2, konstatiert: "Die Entfernung der Vorhaut stellt ein Trauma dar und kann zu erheblichen körperlichen, sexuellen oder psychischen Komplikationen und Leidenszuständen bis ins Erwachsenenalter führen." Wie weist man nach daß Komplikationen eines Erwachsenen mit einem Vorgang zu tun haben der soweit zurückliegt daß er sich bestimmt nicht daran erinnern kann?

An die erste Beschneidung bei der ich dabei war kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür war ich zu jung. Auch an die Schmerzen kann ich mich nicht mehr erinnern und bin daher meinen Eltern für die schnelle Erledigung der Angelegenheit dankbar. Ich kann aber auf folgendes Link verweisen: 
http://dradler-berlin.de/media/operation-beschneidung.pdf:
Dort findet sich folgendes:
Die Fachwelt ist sich uneins, wie ausgeprägt Schmerzempfindungen in der Genitalregion des Neugeborenen bzw. die Schmerzverarbeitung des Nervensystems beim Neugeborenen sind.
Tatsächlich weinen die Kleinen oft gar nicht, oder nur kurz, bzw. schreien bereits, wenn sie noch nicht mal entblößt sind, weil sie die ungewohnten Geräusche, die fremden Menschen und die fehlende Nähe zur Mutter missmutig stimmen. Sicher ist jedoch, das die Schmerzempfindung deutlich zunimmt, je älter das Kind ist. Schon drei Wochen nach der Geburt eines reif geborenen Kindes sind die Schmerzreaktionen deutlich und heftig weshalb spätestens dann eine örtliche Betäubung mittels Spritze und zuvor mittels Betäubungscreme erfolgen sollte.

Ist die medizinische Indikation hier relevant?

Ich meine - nein, weil es sich um ein Gebot handelt. Als Gläubiger wird man auch ohne erwiesene medizinische Vorteile beschneiden denn gläubig sein heißt zum einen die menschliche Unvollkommenheit zu sehen und zum anderen an eine höhere Instanz zu glauben die schon ihre Gründe haben wird wenn sie etwas anordnet.
 

Rechtslage

Im folgenden einige Kommentare aus dem Zeit-Forum die mir relevant erschienen.

Bei der Abwägung zwischen dem Recht der Eltern aus Artikel 6 sowie deren Recht auf die Freiheit der Religionsausübung gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes auf der einen Seite und dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Grundgesetz) auf der anderen Seite sei festzustellen, dass die Beschneidung als traditionell-rituelle Handlungsweise der Dokumentation der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit zur muslimischen Lebensgemeinschaft diene. „Damit wird zugleich einer drohenden Stigmatisierung des Kindes entgegengewirkt“, heißt es im erstinstanzlichen Urteil welches dann in zweiter Instanz revidiert wurde.

Wie sich aus der ständigen Rechtsprechung des BVerfG ergibt, üben die Eltern das Grundrecht der Religionsfreiheit gewissermaßen Treuhänderisch für das unmündige Kind aus. Deshalb muss sich ein Verbot der Beschneidung von Knaben am Maßstab des Art. 4 GG prüfen lassen. "Die in Art. 4 Abs. 1 GG verbürgte Glaubensfreiheit umfasst auch den Anspruch, nach eigenen Glaubensüberzeugungen leben und handeln zu dürfen (vgl. BVerfGE 32, 98 <106>; 93, 1 <15>). In Verbindung mit Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG, der den Eltern das Recht zur Pflege und Erziehung ihrer Kinder garantiert, gewährt Art. 4 Abs. 1 GG das Recht zur Kindererziehung in religiöser und weltanschaulicher Hinsicht. Danach ist es Sache der Eltern, ihren Kindern Überzeugungen in Glaubens- und Weltanschauungsfragen zu vermitteln (vgl. BVerfGE 41, 29 <44, 47 f.>) und nicht geteilte Ansichten von ihnen fernzuhalten (vgl. BVerfGE 93, 1 <17>)."

BVerfGE 93, 1:
"Zur Glaubensfreiheit gehört aber nicht nur die Freiheit, einen Glauben zu haben, sondern auch die Freiheit, nach den eigenen Glaubensüberzeugungen zu leben und zu handeln (vgl. BVerfGE 32, 98 [106]). Insbesondere gewährleistet die Glaubensfreiheit die Teilnahme an den kultischen Handlungen, die ein Glaube vorschreibt oder in denen er Ausdruck findet"

Problematisch wäre es wenn die Beschneidung zu einer dauerhaften Festlegung auf einen Glauben führen würde. Das ist aber nicht der Fall, jedenfalls ist mir keine Religion bekannt die von ihren Gläubigen verlangt unbeschnitten zu sein.
 

Praktische Konsequenzen eines Verbots

Hier der Versuch sich in die Lage des Kindes zu versetzen sollten die Empfehlungen des Europarates zu Gesetzen reifen.
Jüdische und Muslimische Jungen in Deutschland müßten bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit mit 14 abwarten um dann selber entscheiden zu können ob oder ob nicht. Statt daß die Beschneidung zu einem Zeitpunkt vollzogen wird an dem man über die Schmerzempfindung des Betroffenen diskutieren kann, würde sie auf einen Zeitpunkt verlegt wo es zweifellos weh tut - und warum? Weil jemand der eigendlich nichts damit zu tun hat ihm Vorhaut und eine Wahlfreiheit erhalten will die in der Praxis nicht durchsetzbar ist. Oder sollten sie etwa von Zeit zu Zeit vorstellig werden, die Hose runterlassen damit sichergestellt werden kann daß keine Gesetzesübertretung begangen worden ist? Sollten jüdische und muslimische Jungen in speziellen Internaten großgezogen werden damit sie mit 14 Jahren wirklich objektiv, von den Eltern unbeeinflusst entscheiden können?

Ein ziemlich extremes Szenario, realistischer sind diese beiden Möglichkeiten:
Die herannahende Entscheidung bliebe den Schulkameraden nicht verborgen. Würden sie den Jungen darin bestärken sich zu seinem Glauben zu bekennen oder würden sie ihn auffordern, im Sinne der Aufklärung, von diesem archaischen Ritus abzulassen? Wäre es nicht viel naheliegender daß sie die Gelegenheit nutzen würden den Jungen zu hänseln, oder sich sonstwie auf seine Kosten einen Spaß machen? Folge könnte sein daß die Eltern ihre Söhne lieber in "eigene" Schulen schicken um ihnen daß zu ersparen - Segregation statt Integration.
Sollte er bis dahin seine Verwandten in Israel oder der Türkei besuchen, werden die wohl hinter vorgehaltener Hand tuscheln - das wäre ein Beispiel für die im Erstinstanzlichen Urteil angesprochene Stigmatisierung. Ein viel besserer Nährboden für Komplexe als wenn man die ganze Sache in den ersten Lebenstagen hinter sich bringt. Wohl dem der Verwandten hat die bei sowas nicht tuscheln würden.

In welcher Gefühlswelt würde der Junge aufwachsen? Entscheidungsfreiheit statt Zugehörigkeit. Religion nur für Erwachsene - so wie Pornographie.

Noch wahrscheinlicher wäre, daß ein "Beschneidungstourismus" anfinge. Jene denen daran liegt würden ihren Sohn dann ausserhalb der EU beschneiden lassen. Effekt: Kinder würden weiterhin beschnitten werden, nur nicht "vor unserer Haustür". Der Junge müsste natürlich dafür sorgen diesen Umstand bis zu seinem 14ten Geburtstag zu verheimlichen.

 Es fragt sich was die Intention jener ist die diese Initiative vorantreiben. Geht es wirklich um den Schutz des Neugeborenen, oder meint man als Mehrheit neugeborene Kinder aus Prinzip bevormunden zu können da man sich sicher ist es besser zu wissen. Dabei müßte man eigendlich als vernünftiger Mensch in der Lage sein, die Initiative mit ihren möglichen Folgen zu durchdenken und den eigenen Handlungsweg zu hinterfragen.

Integration ist nicht Gleichmacherei sondern den Anderen in seinem Anderssein akzeptieren können. Dabei braucht man keine Angst zu haben der Andere könne sich nicht eingliedern nur weil er anders ist. Ich denke die meisten Migranten sind heilfroh in Deutschland zu sein und wenn sie auch nicht ihre eigene Identität ablegen wollen, so werden sie doch wenigstens wie gerngesehene Gäste sein wollen die ihren Teil zum Gesamtwohl beitragen, so war es jedenfalls bei meinen Eltern.

Aufklärung kontra Religion

Der Gläubige Mensch sieht die Unvollkommenheit des Menschen und sucht das vollkommene, das unveränderliche. Dies konnte von Stellvertretern ausgenutzt werden. Die Aufklärung hat es geschafft diesen Misständen durch das Prinzip der Bildung für alle, ein Ende zu setzen. Heute können wir lesen, wir können selber in die Quellen schauen und uns eine eigene Meinung bilden. Nun muß also alles erklär- und begründbar sein. Die Vernunft wird als oberste Instanz gesehen welche sich auf das derzeitige Wissen stützt. Dieses Wissen kann sich aber ändern und die menschliche Vernunft ist ein arg limitiertes und unzuverlässiges Ding. Ein Gläubiger wird nicht anfangen sein heiliges Buch zu editieren weil Teile davon mit dem gerade herrschenden ZeitGeist der Umgebung nicht in Einklang stehen denn in dem Fall hätte er seinen G-tt einem Geist geopfert.

Der Aufgeklärte Mensch denkt mit und hinterfragt. Ist das neu? Nein, daß hatten wir schon, sogar vor ganz langer Zeit. In Mose 1, Kapitel 28, Sätze 20 - 32 will der Herr Sodom vernichten und Abraham handelt ihm das Versprechen ab, davon abzusehen wenn sich Gerechte in der Ortschaft befinden. So auch mit Moses: als der Herr nach dem Skandal mit dem Goldenen Kalb das Volk Israel vernichten und Moses zum Stammvater eines Neuanfangs machen will, weist ihn dieser darauf hin das es schlecht aussehen würde erst ein Volk in die Freiheit zu führen um es dann zu vernichten. Mose 2, Kapitel 32, Sätze 8 - 14.

Eine Errungenschaft der Aufklärung ist daß man über alles offen reden kann, doch wenn als Folge davon die Genitalien Andersgläubiger ins Rampenlicht gezerrt und genauestens inspiziert werden anstatt sich mit dem Glaubens- und Regelgebäude der betroffenen Religionen auseinanderzusetzen um eine sinnvolle Diskussion zu führen wirft dies Fragen zum Wert der Offenheit auf.

Auch wenn man nicht glauben kann daß das was in den Heiligen Büchern erzählt wird in der Form stattgefunden haben kann, der Umstand das soviele Menschen sich bis Heute mit der Materie befassen legt nahe daß man etwas daraus lernen kann. Wenn man der Religion mit Misstrauen begegnet nur weil sie mal von Menschen zu ihren eigenen Zwecken missbraucht wurde kann man von ihren Inhalten nicht profitieren. Nur wer kein Interesse hat sich zu bessern weil er sich für vollkommen hält wird sich daran nicht stören.

zum Nachdenken

Wer die Beschneidung als gewalttätigen und barbarischen Brauch verurteilt sollte sich bewusst sein daß es noch einen Fall gibt in dem die Eltern für das Kind eine Entscheidung treffen, ohne zu warten bis es sich selber dazu äußern kann. Auch hier hat es für die Eltern eine große Bedeutung. Es ist die Abtreibung. Obwohl das Kind die Ausführung der Entscheidung nicht überlebt wird es als eine moderne Errungenschaft im Sinne der Gleichheit, Freiheit und Emanzipation gefeiert. Der Unterschied: bei der Abtreibung ist das Kind (Fötus) ungeboren und wird bis zum Zeitpunkt der Geburt nicht als vollwertiges Individuum angesehen.