Dienstag, 10. April 2018


 

Narrative

Um Vorgänge einordnen zu können ist es hilfreich die Narrative der beteiligten Parteien zu kennen. Es gibt keine Positionspapiere in denen die einzelnen Narrative festgelegt sind. Sie werden aber über längere Zeit hinweg klarer. Und so ist das was ich hier wiedergebe die Zusammenfassung aus vielen einzelnen Eindrücken über etwa zweieinhalb Jahrzehnte hinweg – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Das faszinierende daran ist wie man dieselben Vorgänge völlig anders darstellen kann. Die Grenzen zwischen dem palästinensischen und dem westlich linken Narrativ sind fließend, so wie auch die Grenzen zwischen dem der Siedler und dem allgemeinen Israelischen. Ausgehend von den Gegensätzen in den Narrativen kann man beginnen nachzuforschen wo denn die Wahrheit unter all den Behauptungen verschüttet liegt.

Das palästinensische Narrativ

Eines Tages kamen die bösen Zionisten aus dem Nichts um sich die fruchtbaren Felder der palästinensischen Ureinwohner unter den Nagel zu reißen. Das ist nicht verwunderlich, denn Juden sind von Natur aus habgierig und böse. Die Idee kam von einem reichen Juden aus Wien und ist eigentlich eine Neuauflage des Kolonialismus. Und so kamen Leute, die sich für ein Volk ohne Land hielten, in ein Land von dem sie behaupteten es habe kein Volk. Dabei ist das Volk der Philister mindestens ebenso alt wie das jüdische. Sie kamen in ein entwickeltes Land und behaupteten später alles selber aufgebaut zu haben, was natürlich auch einen rassistischen Unterton enthält, so als ob die Palästinenser nicht in der Lage wären etwas aufzubauen. Obwohl selber von den Nazis vertrieben, taten sie das dasselbe in zwei Kriegen, der Nakba und der Nachsa, der Urbevölkerung an. Wer blieb wurde Unterdrückt. Da alle Juden aus dem Ausland kamen wäre es die beste Lösung wenn sie wieder dorthin zurückkehren würden. Die meisten kamen aus der USA und der ehemaligen UDSSR und man sieht ihnen sofort an das sie nicht hier hingehören. Am schlimmsten sind die Siedler. Während arme Palästinenserkinder nach Wasser dürsten, schwimmen die in ihren privaten Swimmingpools. Dank ihrer zionistischen Ideologie haben sie auch keinerlei Skrupel im Westjordanland eine Apartheid einzurichten.
Darüber hinaus versucht man nun den Tempelberg zu erobern. Schon seit Jahren wird der Zugang zum Berg für g-ttesfürchtige Muslime, die dort beten wollen, von der Polizei immer wieder beschränkt. Nun haben die Siedler begonnen den Berg in grossen Besuchsgruppen systematisch zu überfluten. Jeder Muslim muß alles ihm Mögliche tun um dem Einhalt zu gebieten. Abgesehen von heimlichen archäologischen Grabungen unter dem Berg betreibt ein privater Verband Grabungen nebenan wobei nur die für Juden relevanten der 22 vorhandenen Schichten berücksichtigt werden.

Das westlich-linke Narrativ

Am Anfang war der Teilungsvorschlag. Die Juden stimmten schon damals zu und bekamen sofort ihren Staat von der UN. Nun wollen die Palästinenser ihren Teil und die frechen Juden, die inzwischen diesen Teil erobert haben, wollen ihn nicht mehr hergeben. UN Resolutionen die Israel zu einer Räumung auffordern (die haben ja schon ihren Staat bekommen) und die Unrechtmäßigkeit der Besiedelung beweisen, werden von Israel einfach ignoriert. Dabei ist ganz klar das nur eine 2-Staaten Lösung, die sich an der Grünen Linie orientiert, Frieden schaffen kann. Laut Artikel 49 der 4ten Genfer Konvention sind Siedlungen eindeutig Völkerrechtswidrig.
Da Israel der stärkere ist, muß es den ersten Schritt hin zu einem Frieden machen. Aber Israel kann sich ja alles erlauben da das Weltjudentum die USA in der Hand hat und diese schützt Israel in der UN mit ihrem Vetorecht.
Und so wird aus den einst vom Reich des Bösen unterdrückten und verfolgten, das Reich des Bösen von Heute, welches im Unterschied zu den Deutschen, nichts dazugelernt hat und daher skrupellos die armen Palästinenser unterdrücken kann. Diese haben natürlich keine andere Wahl als mit Terror und Feuerwerkskörpern aus dem Gazastreifen zu antworten. Obwohl 2005 geräumt, ist der Streifen ein riesiges Freiluftgefängnis für 1.8 Mill. Menschen. Von Mal zu Mal startet der jüdische Aggressor einen Krieg um Völkermord begehen zu können und so die Zahl der Palästinenser dort niedrigzuhalten.

Das Siedlernarrativ

Zum einen hat uns der Herr das ganze Land westlich des Jordans versprochen (und eigentlich auch östlich davon) und daher gehört es uns, zum anderen gibt es keinen Gesprächspartner. Daher ist das Westjordanland zu annektieren – ohne die Zonen A und B in der weicheren Version und völlig in der puristischen Version. Wer von den dortigen Arabern bereit ist zu kuschen, darf bleiben - vielleicht.
Derzeit tobt ein Krieg um das Land. Nicht mit Waffen sondern mit Tatsachen vor Ort. Wir bauen Siedlungen dort wo schon zu biblischen Zeiten jüdische Ortschaften existierten und die Palästinenser benutzen die Beduinen um östlich von Jerusalem eine Nord-Süd Achse zu schaffen und am Rand der Negev Wüste um Gaza mit dem Westjordanland zu verbinden.
Wenn wir das Westjordanland erstmal annektiert haben werden sich die da draußen entweder schon daran gewohnen, oder sie sind Antisemiten und daher sowieso in jedem Fall gegen uns.

Das israelische Narrativ

Am Anfang war eine abgelegene, heruntergekommene Provinz des Ottomanischen Reiches. Hier lebte eine kleine, verarmte jüdische Minderheit, dies aber zu allen Zeiten. Sie wurden auch zu allen Zeiten von Juden, die nicht im Land lebten, finanziell unterstützt. Das hat religiöse Gründe.
Mitte des 19ten Jahrhunderts wurden die Ottomanen von europäischen Mächten unterstützt und in der Folge zu einer Öffnung des Landes gezwungen. Pilger aus Europa fingen an das Land zu besuchen. Erste Schritte zum Aufbau einer modernen Infrastruktur wurden gemacht. Mit dem Aufkommen der zionistischen Idee, die aus den bleichen Gettojuden selbstständige Menschen machen wollte, kamen ab 1882 Juden nach Pogromen in Rumänien und Russland ins Land. Sie wurden von reichen Jüdischen Gönnern aus Westeuropa unterstützt die für sie den arabischen Großgrundbesitzern Ländereien abkauften.
Der Aufbauwille der Neueinwanderer verbesserte die Infrastruktur. Die Kindersterblichkeitsrate sank dramatisch und entstehende Arbeitsplätze zogen Araber aus den umliegenden Ländern an (etwa 100.000). Den Arabern bereitete der ständige Zustrom von Juden aus Europa Unbehagen, obwohl es nicht mehr als etwa 10.000 pro Jahr waren. In den zwanziger Jahren begann mit dem britischen Mandat, die Patenschaft eines fortschrittlichen Landes um dem rückständigen Gebiet auf die Beine zu helfen. Bestandteil des Mandates war auch die Schaffung einer Heimstatt für das jüdische Volk durch Besiedelung, dort wo es die Anderen nicht störte.
Während der gesamten Mandatszeit gab es Unruhen zwischen Arabern und Juden. Dies obwohl der Peel Kommission zufolge, die 1936 für einige Monate im Land weilte, die Araber von dem jüdischen Aufbau profitierten. Die Kommission kam zu dem Ergebnis das es gemeinsam nicht geht, also müsse, entsprechend der demografischen Verteilung, geteilt werden. Die Situation verschärfte sich als durch den zweiten Weltkrieg hunderttausende Juden ins Land kamen. Der Teilungsvorschlag, der auf den Erkenntnissen der Peel-Kommission basierte, kam auf den Tisch. Er wurde aber von der Arabischen Liga abgelehnt und so kam es 1948 zum Unabhängigkeitskrieg. In der Unabhängigkeitserklärung wurden die Araber im Land aufgefordert sich am Aufbau zu beteiligen. Die Arabische Liga hingegen forderte die arabischen Bewohner zur vorübergehenden Räumung auf damit man das zionistische Gebilde ungestört vernichten könne. Einige leisteten dem Aufruf Folge, andere flohen aus Angst. Es gab feindlich gesinnte Dörfer und solche mit denen man Stillhalteabkommen hatte.
1967 griff Israel Ägypten und Syrien an um ihnen zuvorzukommen. Es lief besser als erwartet und so wurden Gazastreifen, Westjordanland und die Golanhöhen erobert. Die eroberten Gebiete wurden nicht besiedelt um als Faustpfand für den Frieden dienen zu können. Nach dem fast verlorenen Yom-Kippur Krieg von 1973 und nachdem die Likud 1977 die Regierung stellte, änderte sich die Auffassung. Man setzte von nun ab auf Sicherheit durch Präsenz. Seither und bis Abschluss des Oslo Abkommens wurden Siedlungen gebaut. Der Bau von Siedlungen ist legal, da die Zone C im Westjordanland rechtlich gesehen noch nicht verteiltes Mandatsgebiet ist, dem Mandat zufolge die Besiedelung durch Juden legitim ist und es seit dem Niedergang des Ottomanischen Reiches keinen legalen Souverän in dem Gebiet gab.
Mit dem Abschluss des Osloer Abkommens von 1993/95 verwalten sich die Palästinenser selbst, wobei immer noch die aus Sicherheitsgründen notwendige Kontrolle ausgeübt werden kann. Darüber hinaus wurde der Gazastreifen 2005 geräumt.

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