Montag, 10. März 2014

 

Zum Thema Wasser

 
In diesem Beitrag verwende ich zwei Einheiten. Zum einen MKM für Millionen Kubikmeter und LPT für Liter pro Person und Tag. Zum besseren Verständnis habe ich die Angaben in den verwendeten Quellen jeweils in diesen beiden Einheiten und Euro angegeben.
Der Winterregen speist drei wasserführende Erdschichten, „Aquifer“ genannt. Der See Genezareth der etwa 10 bis 15% des Trinkwasserbedarfs deckt, wird durch Flüsse aus Israel, dem Libanon, Syrien und Jordanien gefüllt. Israel bereitet 90% des Grauwassers wieder auf welches in separaten Rohren der Landwirtschaft zwecks Bewässerung zugeführt wird. Zusammen mit neuen Entsalzungsanlagen gibt dies vorsichtigem Optimismus Nahrung. Vorsichtig weil wir es auch mit einem Bevölkerungswachstum von zwischen 1,5 und 2% zu tun haben und weil der Wasserverbrauch mit steigendem Lebensstandard ebenfalls steigt.
 

Vorwurf: Wasser wird ungleich verteilt

Es mangelt im Internet nicht an Quellen die es nicht gut mit Israel meinen und diesen Vorwurf erheben. Ich beziehe mich hier auf die Aussagen der Israelischen Menschenrechtsorganisation B´Tselem die sich durch recht genaue Zahlenangaben hervortut, diese aber nutzt um eigene Positionen zu untermauern.
In einem Beitrag zur Diskriminierung bei der Wasserzuteilung heißt es: "According to the Israeli national water company, Mekorot, the average household water consumption in Israel is between 100 and 230 LPT. ...average consumption among Palestinians connected to a running-water network is about 73 LPT." Dies deckt sich so ziemlich mit den Angaben der FoEME = Friends of the Earth Middle East, eine NGO die sich mit dem Umweltschutz befasst. Gemäß deren Berechnungen lag der Wasserkonsum 2011 in Israel bei 250 LPT (offenbar ist das aufbereitete Wasser für die Landwirtschaft miteingerechnet). Bei den Palästinensern im Westjordanland lag der Verbrauch demnach bei 70 LPT (nach Abzug von 30% Verlusten).
Nach Angaben der PA (Palestinian Authority) aus demselben Jahr liegt der durchschnittliche Verbrauch in den Städten in der Zone A bei 103 LPT, was einem Gesamtvolumen von 37,6 Millionen Kubikmetern entspricht. Wenn ich auf meine Wasserrechnung schaue lag ich vom September 2012 bis Oktober 2013 bei einem Durchschnitt von 89 LPT.
B´Tselem dazu: "There are significant gaps between the various cities (169 liters per person per day in Jericho compared to 38 in Jenin)." Daß es Ortsabhängige Unterschiede im zu Verfügung stehenden Wasser gibt ist plausibel, in einem B´Tselem Beitrag zur Lage im Jordantal wird allerdings darauf hingewiesen daß gerade Jericho die geringste Anbaufläche hat. In der Stadt mit dem höchsten LPT Aufkommen wird demnach also am wenigsten angebaut.
"Palestinians in the West Bank not connected to the water supply network: About 113,000 people living in 70 communities, 50,000 of them in Area C. They are not included in the calculations of the public water authority. They rely on rainwater which they store in cisterns and on water sold in tanker trucks by private dealers. In the southern West Bank, about 42 communities consume less than 60 LPT and shepherding communities in the northern Jordan Valley consume only 20 LPT. Private dealers charge between 5 and 8 Euro per cubic meter, depending on the distance between the village and the water source. The price is up to three times that of the highest tariff Israelis pay for water for household consumption. In the summer months, the monthly household expenditure on water in communities that buy water from tankers is between 260 and 420 Euro, about half of the entire monthly household expenditure."
Was den Tarif für Israelis angeht kann ich diese Angabe bestätigen. Verbraucht man pro Monat bis zu 12 Kubikmeter zahlt man umgerechnet 1,57 Euro pro KM, darüber wird es fast doppelt so teuer, nämlich 2,71 Euro pro KM. Doch für diese scheinbare Ungerechtigkeit gibt es eine sehr einfache Erklärung: diese Shepherding communities sind Beduinen die irgendwo auf das Land verteilt leben. Die Wahl des Wohnortes mag für die Schaf und Ziegenaufzucht sinnvoll sein, macht aber die Verlegung von Wasserrohren zum Verbraucher völlig unrentabel.
Wenn man nun unterstellt daß 50.000 Palästinenser nicht ans Wasserversorgungsnetz angeschlossen sind weil sie in Zone C wohnen, wo sie von Israelis schikaniert werden können, erklärt daß noch immer nicht die Lage der übrigen 63.000. Denn im Osloer Abkommen (Artikel 40 in Annex III) heißt es wie folgt:
4. The Israeli side shall transfer to the Palestinian side, and the Palestinian side shall assume, powers and responsibilities in the sphere of water and sewage in the West Bank related solely to Palestinians, that are currently held by the military government and its Civil Administration, ... Demnach ist die PA also für den Anschluss der Palästinenser in den Zonen A und B zuständig.
 

Brunnenbohrungen

B´Tselem: "About 51 MKM of the water in the public water network was used for agriculture. According to the Israeli water authority (2009), an additional 10 MKM of water are pumped from unauthorized wells, used for agriculture as well as drinking." In einem Beitrag im Israelnetz ist hier von 300 Bohrungen und 17 MKM die Rede.
Von B´Tselem wird bemängelt daß aus einigen Palästinensischen Bohrungen kein Wasser mehr gepumpt werden kann - aber nicht gesagt ob es sich um die genehmigten oder eben jene ungenehmigten Bohrungen handelt.
Der Israelischen Botschaft zufolge arbeitet Israel am Ausbau von 136 Brunnen im Westjordanland. In einer ersten Phase wurden bereits 54 Brunnen genehmigt.
B´Tselem: "Palestinians in the Gaza Strip: Average consumption in the Gaza Strip is 70-90 LPT, but the quality of the water is extremely poor. "Im "Israelnetz" heißt es dazu: "Im Gazastreifen hat illegales Abpumpen des Grundwassers zu einer humanitären Katastrophe geführt. Weil dem Aquifer zu viel Süßwasser entnommen worden ist, floss salziges Mittelmeerwasser nach und zerstörte das Süßwasser. Israel liefert das Trinkwasser für die 1,2 Mill. Bewohner des Gazastreifens."
 

Vorwurf: Notwendige Infrastrukturmaßnahmen werden verhindert

B´Tselem: "According to Palestinian water authority figures, more than 2.3 Mill. Palestinians live in the West Bank. This means that under optimal conditions, the water supply (excluding the unauthorized wells) could have allowed domestic and urban consumption of 100 LPT (stimmt), but this is where the second factor affecting water consumption comes into play.
Water loss: There is extensive water loss on the public water grid in the West Bank - about 30%, and more in some locations." In Zone A und B sind die Palästinenser selbst dafür verantwortlich.
"Water theft is also a widespread problem." Auch ein innerpalästinensisches Problem.
Der Studie des Hydrologen Prof. Haim Gvirtzman von der Hebräischen Universität zufolge wäre es möglich in den Palästinensischen Autonomiegebieten durch Wasserrecycling und zeitgemäße landwirtschaftliche Bewässerungsmethoden um ein Drittel weniger Wasser zu verbrauchen.
Israel hat angeboten, die Palästinenser mit entsalztem Wasser zu versorgen, doch wird diese Möglichkeit aus politischen Erwägungen heraus systematisch abgelehnt.
Auch verweigern die Palästinenser bisher die Verwendung aufbereiteten Grauwassers aus Israel.

"The Palestinian water network is managed by dozens of local water authorities without a coordinating mechanism. The inability to develop a nationally controlled water network, with reservoirs that could supply the needs of all residents is inextricably tied to the fact that every action in Area C requires Israeli approval." Kann es nicht sein daß die Palästinenser die Organisation nicht auf die Reihe kriegen oder kriegen wollen?
Eine direkte Bezugnahme auf Wiederaufbereitung und Klärung findet sich in den Beiträgen nicht. Wohl aber in folgender Aussage der Israelischen Botschaft: "Im Gegensatz zu Israel erfüllt die PA in mehreren Aspekten des Abkommens nicht ihre Verpflichtungen in Hinsicht auf wichtige Fragen wie das illegale Bohren und den Umgang mit der Klärung von Abwasser und der Aufbereitung für die Landwirtschaft. Die dadurch bedingte Verschmutzung des Grundwassers schadet beiden Seiten erheblich."
Im Oslo-Abkommen wurde daran gedacht und folgendes vereinbart:
3. While respecting each side's powers and responsibilities in the sphere of water and sewage in their respective areas, both sides agree to coordinate the management of water and sewage resources and systems in the West Bank during the interim period, in accordance with the following principles:
e. Taking all necessary measures to prevent any harm to water resources, including those utilized by the other side.
f. Treating, reusing or properly disposing of all domestic, urban, industrial, and agricultural sewage.
g. Existing water and sewage systems shall be operated, maintained and developed in a coordinated manner, as set out in this Article.
Laut Israelnetz werden 95% der 56 MKM Abwasser, die in den Palästinensischen Autonomiegebieten produziert werden, nicht geklärt. Im Westjordanland wurde in den letzten 15 Jahren nur eine einzige Kläranlage gebaut, obwohl dafür internationale Gelder zur Verfügung stehen.
"Sie lassen ihr Abwasser in die Natur ab, obgleich Deutschland Millionenbeträge für den Bau einer Kläranlage etwa bei Bethlehem bereitgestellt hat. Die Kläranlage müsste östlich von Bethlehem in israelisch-kontrolliertem Gebiet stehen. Nach palästinensischer Vorstellung käme das einer „Anerkennung“ der israelischen Besatzung gleich. Das Ablassen von Schmutzwasser in die Natur führt zu einer unumkehrbaren Grundwasserverseuchung." heißt es dazu im Beitrag im Israelnetz.
 

Zahlenspielereien

Laut B´Tselem befinden sich 42 israelische Bohrungen im Westjordanland, 28 davon im Jordantal. Diese Bohrungen (alle oder nur die im Jordantal?) versorgen die örtliche Israelische Bevölkerung mit 32 MKM pro Jahr, zusammen mit Jordanwasser und aufbereitetem Brauchwasser stehen insgesamt 45 MKM pro Jahr zur Verfügung. Dies ist ein Drittel der Wassermenge die den etwa 2.5 Mill. Palästinensern zur Verfügung steht. Eine Unverschämtheit? B´Tselem behauptet daß die in den Osloer Verträgen vorgesehene Erhöhung der Wasserzuteilung für die Palästinenser nie ausgeführt wurde. In einem anderen Beitrag stehen konkrete Zahlen: "The amount of water supplied to the entire West Bank: According to 2011 figures, the West Bank water supply was comprised of 87 MKM pumped from official Palestinian water sources and 53 MKM sold to the Palestinian Authority by Mekorot."
Im Osloer Abkommen (Artikel 40 in Annex III) findet sich dazu folgendes:
6. Both sides have agreed that the future needs of the Palestinians in the West Bank are estimated to be between 70 - 80 mcm/year.
7. In this framework, and in order to meet the immediate needs of the Palestinians in fresh water for domestic use, both sides recognize the necessity to make available to the Palestinians during the interim period a total quantity of 28.6 mcm/year
(6) The remainder of the estimated quantity of the Palestinian needs mentioned in paragraph 6 above, over the quantities mentioned in this paragraph (41.4 - 51.4 MKM/year), shall be developed by the Palestinians from the Eastern Aquifer and other agreed sources in the West Bank. The Palestinians will have the right to utilize this amount for their needs (domestic and agricultural).
Der PA werden also 53 MKM pro Jahr von Israel zur Verfügung gestellt und nicht die in den Oslo-Verträgen vorgesehenen 28,6 MKM. Anstatt wie vorgesehen 51,4 MKM pro Jahr abzupumpen sind es 87 MKM. Dies ist sogar schon mehr als die unter Punkt 6 des Annex anvisierten 70 - 80 MKM in der Zukunft. Laut Internetseite der Israelischen Botschaft werden die 53 MKM von Mekorot mit dem reinen Herstellungspreis von 2,6 Millionen Schekel berechnet (1,26 Millionen Schekel unter dem Wasserpreis für israelische Einrichtungen). Im Klartext: Israel bezuschusst die Wasserversorgung der PA obendrein mit etwa 13,7 Millionen Euro jährlich. Im Sommer 2013 erhöhte Israel die Wasserversorgung der PA noch um 11 000 Kubikmeter täglich (etwa 4 MKM jährlich).
Trotzdem sind letztendlich wieder die Israelis schuld. Wie, sieht man wieder bei B´Tselem:
"The water infrastructure in the Palestinian Authority needs upgrading, but this is not possible without significant work in Area C, where every action requires Israeli approval at the joint water committee. Such approvals are rare. Even committee-approved projects may be delayed or stopped, due to restrictions imposed by the Civil Administration." Wenn Israel Wasser an die PA zum Selbstkostenpreis verkauft statt mit Gewinn an Israelische Verbraucher, warum sollte man da kein interesse an einer Verbesserung Palästinensischer Effizienz haben?

 

Gibt es auch etwas positives zu berichten?

Ja, zusätzlich zu den 50 MKM Wasser die Israel jährlich an Jordanien liefert und den 53 MKM die jährlich an die PA verkauft werden, wurde im Dezember 2013 eine Vereinbarung ratifiziert in der Israel gemeinsam mit Jordanien und der PA eine Trinkwasseraufbereitungsanlage im Jordanischen Aqaba am Roten Meer finanzieren werden, deren Wasser sich Israelis, Palästinenser und Jordanier teilen werden. Für die Jordanier werden dabei 30 MKM abfallen. Ausserdem werden sie zusätzlich noch 50 MKM aus dem Israelischen Genezereth See bekommen. Die PA soll 20 - 30 MKM entsalztes oder aufbereitetes Grauwasser pro Jahr zum Selbstkostenpreis von Mekorot bekommen. Ausserdem soll ein Pipeline-Projekt erstellt werden um die Austrocknung des Toten Meeres zu verlangsamen. Sein Wasserspiegel sinkt im Moment um 120 cm jährlich. Meerwasser soll den Verlust von jährlich 1600 MKM ausgleichen.
Diese Information findet man allerdings bei B´Tselem nicht.

 

Verwendete Quellen:

Zur Wasserverteilung: http://www.btselem.org/press_releases/20140212_discrimination_in_water_allocation
Zum Jordantal: http://www.btselem.org/sites/default/files/201105_dispossession_and_exploitation_eng.pdf
http://www.btselem.org/publications/summaries/dispossession-and-exploitation-israels-policy-jordan-valley-northern-dead-sea
Osloer Verträge: http://mfa.gov.il/MFA/ForeignPolicy/Peace/Guide/Pages/THE%20ISRAELI-PALESTINIAN%20INTERIM%20AGREEMENT%20-%20Annex%20III.aspx#app-40
Israelnetz: http://www.israelnetz.com/hintergrund/detailansicht/aktuell/der-wasserkrieg-in-nahost/#.UwKA4GfNupo
Statement der Israelischen Botschaft zu dem Thema: http://www.botschaftisrael.de/2014/02/13/aus-aktuellem-anlass-erlaeuterungen-zur-wasserfrage-im-nahostkonflikt/
 Die Gvirtzman Studie: http://besacenter.org/mideast-security-and-policy-studies/the-israeli-palestinian-water-conflict-an-israeli-perspective-3-2/
Positiver Bericht: http://www.worldbank.org/en/news/press-release/2013/12/09/senior-israel-jordanian-palestinian-representatives-water-sharing-agreement
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4463319,00.html



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